[LiSe 02/19] Ausstellung: Geschwärzt Verboten Verbrannt

200 Jahre Zensur – eine Ausstellung im Deutschen Museum zeigt Fälle aus 200 Jahren 

Von Stefanie Bürgers

Zensur ist doch Geschichte! Der Fall von Jan Böhmermann beweist das Gegenteil. Aus dessen satirischem Erdogan-Gedicht wurden einige Verse vor Gericht verboten. Der „Spiegel“ machte daraus eine Story – das dazugehörige Titelblatt des Magazins ist jetzt im Deutschen Museum zu sehen: Die Sonderausstellung „Geschwärzt Verboten Verbrannt“ zeigt noch bis Mitte März Beispiele für Zensur aus den vergangenen 200 Jahren. (mehr …)

[LiSe 02/19] Lyrische Kostprobe

Von all den Brücken
nur eine
ohne Geländer

Kommt der Moment
wo du
nicht mehr festhältst

an mir

*

Hatte sich doch ein Fasan
in unserm Garten verfangen

Hechtend suchte ich ihn
an den zum Nacken hin
offenen weißen Halsring
zu packen

Hätte ihn auch gewiss
eigenhändig gerupft
geflammt und abgehangen

Mit höhnischem Gelächter
flog er kurz auf
schlug ich hart auf
sprangen wir aneinander
stolz und tapfer
vorbei

Christian Dörr

[LiSe 02/19] Buchtipps aus erster Hand

Lillemor’s Frauenbuchladen empfiehlt für Februar diese beiden Neuerscheinungen:

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt
Droschl Verlag

Fanny, die „Königin“, ist eine vom Schicksal immer wieder hart getroffene Frau, die ihren Lebensabend alleine verbringt und über alles Vergangene schweigt. Auch das Tagebuch auf ihrem Nachtkästchen, ein Geschenk ihrer Enkelin, lässt Fanny unberührt liegen, statt es mit den Tragödien des Erlebten zu füllen. Doch in Tagträumen und schlaflosen Nächten zieht ihr ganzes Leben in aufwühlenden Bildern an ihr vorbei. Das Romandebüt der jungen österreichischen Autorin überzeugt durch eine klare Sprache und hohe Sensibilität für ihre Figuren. (mehr …)

[LiSe 02/19] Kurzgeschichte „Der Begünstigte“

Von Hans-Karl Fischer

Schon wieder! Ferdl wollte Geld von mir ausleihen. Dieses Mal gleich hundert Mark. Ich hatte keine Lust, ihm so viel auf einmal zu geben. Einen Tag später war mein Brustbeutel weg, in dem ich das ganze in vierwöchiger Ferienarbeit erworbene Geld aufbewahrte. Einem Helden wie mir war es zuwider, immer auf sein Geld aufpassen zu müssen. Weil Ferdl mit mir auf einem Zimmer war und mich angehauen hatte, kam eigentlich nur er in Frage. Ich sagte zu Ferdl, daß ich mit ihm reden müsse; er solle mit mir in den Kickerraum gehen. Dort versetzte ich ihm einen Magenschwinger, daß er zu Boden ging, sich am Solarplexus hielt und sich krümmte.  (mehr …)

[LiSe 02/19] Rezension: Die Schönheit der Natur ist eine Tautologie

Heinz Helles neuer philosophischer Roman

Von Michael Berwanger

Zwei Brüder trinken sich durch die Nacht, in Kaschemmen des Glockenbachviertels. Es ist der Winter vor sieben Jahren. Man kann den Weg vom Platz am Glockenbach über die Fraunhoferstraße und zurück zur Kapuzinerstraße verfolgen. Die meisten Kneipen existieren immer noch, Absturzkneipen wie der „Flaschenöffner“ oder das „Sunshine Pub“. Nur die Theaterklause heißt heute „Wolf’s Farmacy“ und die Kapuzinerklause „Bistro N° 23“. Ein weiter Weg für eine durchsoffene Nacht, und man könnte anmerken, dass es egal sein müsste, in welcher Stadt sie stattfindet. Denn natürlich geht es nicht um die Sauftour zweier Brüder, sondern um das Ausloten, welche Rolle das Wohl des Einzelnen spielt – speziell das der Kinder. Um den philosophischen Diskussionen Raum zu geben, braucht es aber einen Stadtteil wie das Münchner Glockenbachviertel, wo glitzernder Reichtum und bittere Armut direkt ineinander übergehen. (mehr …)

[LiSe 02/19] In eigener Sache: Redakteur*in gesucht

Die LiteraturSeiten München suchen eine Verantwortliche Redakteurin, einen Verantwortlichen Redakteur, da Ina Kuegler, die diesen Posten lange Jahre inne hatte, aufhören möchte. Sie oder er sollte journalistische Erfahrung haben, schreiben und redigieren können, Themen aufgreifen und dem Team zur Bearbeitung vorschlagen. Dafür ist neben der Aufmerksamkeit für den Münchner Literaturbetrieb ein Aufwand von etwa 10 Stunden pro Monat nötig, vornehmlich zu Redaktionsschluss, um die Beiträge zu sammeln, zu überprüfen und ev. zu bearbeiten. Unser Team, das aus derzeit acht gleichberechtigten Mitarbeiter*innen besteht, trifft sich alle zwei Monate zu einer Redaktionskonferenz und legt die Themen für die nächsten Ausgaben fest. Die redaktionelle Tätigkeit erfolgt ehrenamtlich. red

Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich bitte unter: redaktion@literaturseiten-muenchen.de

[LiSe 01/19] Der Geist ist da

In Geiselgasteig wird seit 100 Jahren Literatur verfilmt

Von Ina Kuegler

Am 2. März 2019 ist es soweit: In Geiselgasteig, vor den Toren Münchens, wird die Ausstellung „100 Jahre Filmstadt Bavaria“ eröffnet. Auf einer Zeitreise von 1919 bis heute kann das Publikum deutsche und internationale Filmgeschichte nachvollziehen – anhand von Fotos, Requisiten, Dekorationen, Drehbüchern und Kostümen. Hundert Jahre Bavaria-Filmgeschichte: Das bedeutet nicht nur frühe Filme von Hitchcock, harmlose Nettigkeiten aus den 50er Jahren wie „Das Wirtshaus im Spessart“, internationale Erfolge wie „Das Boot“ oder TV-Soaps wie „Marienhof“. 100 Jahre Filmgeschichte würdigen auch etliche Literaturverfilmungen, und zwar für das Kino und ab den 60er Jahren für das Fernsehen. Das Spektrum reicht von „Wallenstein“ bis zu „Berlin Alexanderplatz“. (mehr …)

[LiSe 01/19] Kolumne: Entwurzelte Gesellen

Ein Toter steht in Münchens Wohnungen. Das ist der Weihnachtsbaum. Erst gekauft, geschmückt, besungen, dann weggeworfen – wie manchem Firmenchef ergeht es ihm, könnte man sagen, Winterkorn z. B., VW, oder Stadler, AUDI, wenn es hier um Wirtschaft ginge, aber es geht hier um weit Feineres. Um die Psyche der Zimmerpflanzen zum Beispiel. Wir kennen sie bestens, wir sprechen ja täglich mit ihnen! Sie mögen ihn nicht, den Weihnachtsbaum, haben sie geflüstert, sie tuscheln hinter seinem Rücken, sie sprechen ihn an, aber er antwortet nicht, leblos wie er ist. Er ist ein Fremder, ein abgehackter, entwurzelter Geselle, der stachelig vor sich hinstarrt. Manchem Vater und Ehemann gleich, der an Weihnachten notorisch nach Innen emigriert. Und sie ahnen vielleicht, dass sie in Kürze auf städtischen Müllbergen landen werden, die Münchner Weihnachts- und ihre etwa 25 Millionen deutschen Landsbäume, verbrannt ohne Pardon und Bedauern selbstverständlich von denselben Menschen, die um die gerodeten Pflanzen am Amazonas trauern. Der Weihnachtsbaum in spe, wie er in Zwangskulturen aufgezogen wird, hat eine schwache Lobby. Das Finanzielle spricht zu sehr für ihn!  (mehr …)