Wann

06.05.2026    
19:00 - 20:30

Wo

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
Gabelsbergerstraße 35, München

Veranstaltungstyp

Lade Karte ...

Am 6. Mai um 19:00 Uhr öffnet das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München den Raum für einen Literaturabend der besonderen Art. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Ludwig Steinherr liest aus seinem neuen Gedichtband »Gottes Nähmaschine« – einem Werk, das im Kleinen das Große findet und im Gewöhnlichen das Erschütternde sichtbar macht. Im Anschluss an die Lesung lädt ein Get-Together dazu ein, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen und sich mit anderen Literaturbegeisterten auszutauschen.

Poesie, die das Zerrissene zusammennäht

In »Gottes Nähmaschine« beginnt alles im Alltäglichen: eine Bushaltestelle, ein Supermarkt, ein stilles Zimmer, ein leeres Zimmer. Doch was unscheinbar beginnt, kippt bei Steinherr unvermittelt ins Metaphysische. Licht und Stille werden zu handelnden Kräften, Spiegel öffnen Abgründe, ein einziges Wort kann schwerer wiegen als ein Körper.

Steinherr schreibt über Krieg, Verlust und Vergänglichkeit – doch nie laut, nie pathetisch. Der Krieg schläft hinter der Wand, die Toten flüstern in Briefen. Zwischen Troja und Tiefkühlregal, Zen-Meditation und Smartphone entfaltet sich eine poetische Welt, in der das Komische und das Erschütternde nah beieinanderliegen. Eine Lyrik, die aufmerksam, ironisch und von großer Zärtlichkeit ist – und die Poesie als leise, aber entschiedene Gegenkraft zur Verrohung der Wirklichkeit verteidigt.

Das Titelgedicht: Ein Denkmal aus Sprache

Eines der bewegendsten Gedichte des Bandes widmet Steinherr Johanna Rödelheimer, die 1941 bei ihrer Deportation nach Kaunas ihre Reisenähmaschine mitnahm – weil man ihr gesagt hatte, sie könne sie dort gebrauchen. Aus diesem einen, konkreten Bild wächst ein Gedicht von erschütternder Kraft: Die schwarze Maschine wird zum schweigenden Denkmal, zur Synagoge für Ameisen, zur Schreibmaschine Gottes, der keinen Anfang findet für seinen Brief.

Wenn alles genommen wurde – was vermag ein zurückgelassener Gegenstand noch von einem Leben zu erzählen? Steinherr gibt darauf eine Antwort, die sich nicht in Worte fassen lässt – und es doch tut.

Sprachkunst zwischen Mythos und Gegenwart

Steinherrs Gedichte verbinden das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, die Gegenwart mit der Geschichte. Krieg, gesellschaftliche Brüche und persönlicher Verlust erscheinen nicht als Kommentar, sondern als poetisch verdichtete Erfahrung. Sprachlich präzise, von feiner Ironie durchzogen – ernst, aber nie pathetisch, leicht, aber nie beliebig. So entsteht eine Lyrik, die unsere Gegenwart klar ins Auge fasst und zugleich das Zarte gegen die Verhärtung der Wirklichkeit verteidigt.

Ludwig Steinherr – ein Autor von Rang

Ludwig Steinherr zählt zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er hat über zwanzig Gedichtbände veröffentlicht, dazu zehn Novellen, zwei Romane und einen Band mit Theaterstücken. Seine Texte erschienen in renommierten Anthologien und internationalen Zeitschriften, darunter Der Große Conrady, Reclams großes Buch der deutschen Gedichte, World Literature Today und Modern Poetry in Translation. Seit 2003 ist er Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Mehr über den Autor erfahren Sie unter www.ludwigsteinherr.com.

Veranstaltungsdetails:

Datum: Mittwoch, 06. Mai 2026

Uhrzeit: 19:00 Uhr

Ort: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Gabelsbergerstraße 35, 80333 München