Von Tania Rupel Tera

Es dämmerte und der Spanner verlor die Geduld. Der Bursche und das Mädchen redeten weiter. Er dachte an seinen Opa. Einst hat er ihn nach Gott gefragt. Ein begabter Beobachter – war die Antwort. Als Kind verstand er das nicht, als Rentner nun verspürte er dieses Bedürfnis. Nicht dass er sich am Fenster göttlich fühlte. Er wusste nicht, womit die Freiheit füllen. Ich habe keine Gabe, nur so gucken … Er schlüpfte in seine Boots. Wir gehen raus, Joe, vielleicht hört man dort was. Du brauchst das Mäntelchen. Der Hund schüttelte sich. Vor der Tür pinkelte er und wollte gleich zurück. Geh nach links, flüsterte das Herrchen, sie spannen deinen armen Spanner auf die Folter. Mensch und Tier flanierten im Schnee, der stärker geworden war. Die langen Haare des Mädchens waren weiß geworden. Schneebraut, murmelte der Mann, und die Erinnerung kam wie Blitzeis. Seine Beine knickten.

Hier, rief er. Der Hund hatte sich befreit und drehte Begeisterungsrunden, die Leine zeichnete hinterher. Was tust du, mein Herz? Er kraulte ihn. Ah, worüber unterhalten sie sich so lang? Warum nimmt keiner die Hand des anderen? Als ob zwischen ihnen eine unsichtbare Mauer ist. Das Mädchen hauchte sich in die Hände und warf die Haare zur Seite. Feines Pulver flog umher. Der Bursche entfernte es von Schultern und Mütze und drückte wieder die Fäuste in den Taschen.

Worauf wartest du? Hast du eine Ahnung, wie viele Mädels und Jungs ungeküsst bleiben? Ihre Träume flackern und verschwinden ins Nichts. Der Winter kommt rasch, junger Mann. Bevor du dich umsiehst, fliegt er dir wie ein harter Schneeball ins Gesicht. Tja, richtig oder falsch, Joe, der Mensch mischt sich ein. Wir spazieren zwischen diesen Eisstatuen!

Der Spanner zog den Hund hinter sich her. Er schnüffelte um die Füße des Pärchens. Das Mädchen wollte ihn streicheln, als er schon weiterging. Er zerrte sein Herrchen nach Hause. Der Mann nahm ihn hoch und harrte noch eine Weile aus. Kein Wort, keine neue Bewegung. Plötzlich realisierte er: Sie schweigen und schauen sich nur an. Was ist los?, geriet der Spanner in Panik. Hat er was getan? Hat sie was gesagt? Wurde eine Grenze überschritten? Oder spielen sie? Obwohl jedes Kind weiß, mit dem Feuer … Müde die Münder, sagen die Augen alles zu Ende, überlegte er.

Vorhin hatte ihm der Bursche Platz gemacht, als er sein Pardon nuschelte und wie ein Irrer in ihre Gesichter starrte. Idiotisch, dachte er, jedoch ohne Zögern hätte er ins Dunkel Wurzel geschlagen und weiter gelauscht. Gehofft. Der Mann ging und mit jedem Schritt sprach er in die weichen Ohren weiter: Sagt euch die guten Worte! Werdet noch nicht stumm!

Lautlos irrten die Flocken um ihn. In der Wohnung gab der Spanner seinem Hund zu fressen, dann deckte er ihn auf dem Sofa zu. Er aß, ohne die linke Ecke aus den Augen zu verlieren. Wir haben uns durch eine lodernde Passage hindurchgekämpft. Zwischen ihnen knistert es. Kein Zweifel. Wie unter uns der Schnee knisterte. Noch lange sah er die zwei unter der Laterne. Sie spielen nicht mehr, sagte er, ich bin mir sicher. Auf einmal knurrte der Hund. Die Pfoten bewegten sich, die Schnauze zuckte mehrmals. Wie ein kleines Fohlen galoppierte er durch unbekannte Landschaften. Wovon träumst du?

Der Mann setzte sich hin, die Gedanken rissen ihn mit. Unmerklich wandelt sich der warme Funke in eine kalte Welle. Zwei leuchtende Kerzen sind zwei Eiszapfen geworden, die bald brechen. Und die Stille, diese Zarin der Zeit. Nur ein weites Echo aus Klang und Seufzen. Ich dachte, ich werde es begreifen. Eins ist klar: Dieser Schneemann wird mit seiner Braut nirgendwohin gehen. Weißt du, Joe, aus wie vielen Lücken das Erinnern gewebt ist? Doch ragen ein paar Ereignisse empor. Hier zwei Strahlen, dort drei wunde Gipfel. Wieso klebe ich da? Ein unklarer Drang schlummert in uns. Nicht nur nach Freude, insgeheim auch nach dem Schmerz. Verstehst du das? Nach einer unmöglichen Herrschaft über die Dinge, über die anderen. Der Mann schrieb in sein Heft: Ungezählt die Küsse der Wahrheit, der Lüge auf blauen Lippen. Unsäglich schwebst du um mich, ich fasse dich fast, du schmilzt. Als er nach draußen blickte, stieß gerade eine Frau das Mädchen. Ein Mann gestikulierte heftig. Der Junge ging. Endlich, grummelte der Spanner und legte sich müde hin.

Tage später erkannte er den Burschen, Hand in Hand mit einem größeren Mädchen. Vorm Hauseingang knutschten sie lang. So einfach kann es sein, dachte der Spanner, wie ein neuer Tag. Er wusste nicht, woher auch, dass dieses neue Mädchen die beste Freundin des anderen war. Dass der Bursche manchmal die Nummer der Schneebraut wählte und im Hörer schwieg. Erfuhr auch nicht, dass die Braut ihre Haare geschnitten hatte und eine neue Schule besuchte. So sah er sich vergeblich um, doch noch einen Blick in jenes Gesicht aus der Dämmerung zu erhaschen.

Die bulgarisch-deutsche Autorin und Malerin Tania Rupel Tera lebt in München und schreibt sowohl Lyrik als auch Prosa. Sie veröffentlichte drei Bücher im SALON LiteraturVERLAG sowie zahlreiche Texte in verschiedenen Literaturmagazinen.