[LiSe 06/23] Jung und schreibend (Folge 20): Slata Roschals magische Sprache

Von Sevda Cakir

Slata Roschals Debütroman „153 formen des nichtseins“ ist wie eine True-Story-Serie, die die Rezipient*innen fest im Griff hat. Die 153 Folgen über das Leben von Ksenia Lindau wirken lange nach. Vielleicht, weil die Schilderungen der Protagonistin über ihre Identitätsbildung schonungslos und ehrlich sind. Sie müssen verdaut werden. Komalesen ist deswegen nur unter Vorbehalt zu empfehlen, wenn Fans wissen wollen, wie es weitergeht. Die Episoden sind in Form und Inhalt unterschiedlich erzählt, wie z. B. in Flashbacks oder als eine Überlebensstrategie in schwierigen Gefühlssituationen – sie könnten Triggerwarnungen enthalten: Von bodenlos ermunternder Frechheit bis zu Missbrauchsandeutungen. (mehr …)

[LiSe 06/23] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:

Arnold Stadler: Irgendwo. Aber am Meer
S. Fischer

Ein namenloser Schriftsteller erzählt von seiner Lesung auf Schloss Sayn, die für ihn zum Fiasko wird, denn das Publikum will viel mehr von seiner persönlichen Einstellung zu aktuellen Themen erfahren als von seinem literarischen Werk. Und so bricht er kurzentschlossen zu seinem Sehnsuchtsort auf … Klimakrise, Krieg und Armut, sind die Themen, die ihn auf seiner langen Autofahrt nach Griechenland in Gedanken und Erinnerungen begleiten. Arnold Stadler lässt immer wieder biografische Aspekte einfließen, dabei nicht ohne Optimismus. (mehr …)

[LiSe 06/23] Kurzgeschichte: Mobilität

Von Ulrich Schäfer-Newiger

wo sind wir hier, Charlie? Das habe ich dir schon zweimal gesagt. Schluss jetzt. Hab’s wieder vergessen. Also sag’s! Nein! Doch sag’s! Nein! Sag’s jetzt! Auf einer Fußgängerbrücke über der Autobahn! Behalt dir’s jetzt, ich erklär’s nicht nochmal. Charlie, komm mal her. Sieh dir das an. Was denn? Da. Unter uns. Die Autos. Ja was? Es sind so viele. Ich kann sie gar nicht zählen. Ich auch nicht. (mehr …)

[LiSe 06/23] Rezension: Den Krieg erzählen

Ulrike Draesners neuer Roman „Die Verwandelten“

Von Ursula Sautmann

ein schweres buch, das wir unseren Leserinnen und Lesern hier empfehlen. Auf 600 Seiten geht es in „Die Verwandelten“ um Krieg und Gewalt, um Flucht und Vertreibung über das gesamte letzte Jahrhundert hinweg bis in die Gegenwart. Der neue Roman von Ulrike Draesner handelt ausschließlich von Frauen, deren Leben in Polen und in Deutschland im Laufe des Buches und über drei Generationen hinweg zusammengeführt werden. (mehr …)

Europa im Original: Münchner Autorinnen und Autoren gesucht

Wie klingt Europa? Welche Stimmen prägen die aktuelle Literaturlandschaft unseres Kontinents?

Das Goethe-Institut, das Institut français, das Instituto Cervantes, das Istituto Italiano di Cultura und das Tschechische Zentrum laden in Kooperation mit Europe Direct und der Münchner Stadtbibliothek ab 16:00 am 7. Juli 2023 ein zu Europa im Original, einem literarischen Treffen der europäischen Sprachen unter freiem Himmel. Bis in die Nacht tragen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ganz Europa kurze Texte in verschiedenen Sprachen im Garten des Palais Seyssel d’Aix (Institut français München) vor. (mehr …)

[LiSe 05/23] Bibliothek auf Rädern

Von Harry Potter bis zum Konsolenspiel: In München versorgen fünf Bücherbusse Tausende Schulkinder mit Medien

Von Ina Kuegler

Es ist 8.30 Uhr. 15 Mädchen und Buben drängeln sich vor der Eingangstür, der Busfahrer ruft: „So, dann kommt mal alle rein.“ Der Bücherbus ist wieder da, eine 12 Meter lange und zweieinhalb Meter breite Bibliothek auf Rädern. Die Kinder schieben sich in den Bus. Sie stöbern in den Regalen, geben Bücher zurück, leihen Medien aus oder verlängern die Leihfristen. Nach einer viertel Stunde folgt die nächste Gruppe. Es sind Kinder zwischen fünf und elf Jahren, vor allem aber Grundschüler, die den Bücherbus stürmen. Die Stadt München hat fünf davon – sie kommen alle 14 Tage und machen auf den Schulhöfen Halt. Tausende Bücher, DVDs, CDs, Zeitschriften oder Konsolenspiele fahren die mobilen Bibliotheken von Grundschule zu Grundschule – ein kindgerechter, niederschwelliger Zugang zu Wissen und Bildung. Abteilungsleiter Siegfried Kalus von der Münchner Stadtbibliothek beschreibt das so: „Die Fahrbibliotheken leisten einen wichtigen Beitrag zu Chancengleichheit und sozialer Integration“. (mehr …)

[LiSe 05/23] Kolumne: Leiden für die Kultur – ganz profan

Wer die Kultur liebt, liebt das Leiden. Jenes lautlose Vor-sich-hin-Leiden auf dem zugewiesenen Stuhl, das spätestens nach einer Stunde einsetzt. Meist schon früher.

Die Lesung des Nachwuchsautors in unserem Lieblingsbuchladen, die Premiere der durchreisenden Theatertruppe in der Stadthalle, das Programm der örtlichen Literaturtage. So vieles, das einen interessierte. So vieles, für das man sich gern Zeit nähme. Und dann fällt einem ein, kurz bevor man die Mail mit der Anmeldung abschickt, wie man bei der letzten Lesung gelitten hat. (mehr …)

[LiSe 05/23] Jung und schreibend (Folge 19) Rote Kirschen Richtung rotem Mund

Gedichte, Songtexte, Performances … bei der Autorin und Musikerin Mira Mann finden die Worte ihren Platz

Von Katrin Diehl

Mira Mann freut sich spür- wie sichtbar aufs nächste Schreiben. Zwei Dinge sind abgeschlossen: ihr dritter Gedichtband mit Titel „Kontrolle“ wie auch – nach „Ich mag das“ (2019) und „Schau mich an“ (2021) – ihr drittes Musikalbum „weich“. „Es ist so gut, loszulassen und von vorne zu beginnen“, sagt sie. Wenn von ihr Sätze fallen wie: „Ich schreibe für mich; ich schreibe, weil ich muss; es tut mir gut, zu schreiben“, dann sind die nicht einfach so zu nehmen. Dann stehen die bereits sehr in Kontakt mit dem, was sie künstlerisch tut. Mira Mann konfrontiert mit sich und das immer wieder. Diese Entscheidung hat sie fürs Erste getroffen wohl ahnend, dass das Publikmachen ihrer Texte, diese ihre eigenen Wege gehen lässt. Ihre Gedichte treffen. Und das tut auch ihre Musik. Tun auch ihre Videos, die beinahe körperlich wirken (eingefangene Hitze, sichtbare Trockenheit, Mira Manns Gesicht hinter einer dünnen Plastikfolie, süßeste Kirschen, die in Richtung ihres Munds wandern…). Das hat auch mit klar gesetzten, unverstellten Worten, auch mit sinnlichen Trigger-Momenten zu tun. Mira Mann lässt die Präsenz ihrer Wahrnehmungen und ihres Körpers ziemlich ungeschützt in ihre Gedichte, Songtexte einfließen. Das Performative, das allem, auch dem gedruckten Wort, innewohnt, kreiert Kräfte. Sie hat ihren eigenen Sound. „Ja, den habe ich jetzt gefunden“, sagt sie und da schwingt die Zeit des Suchens noch mit. (mehr …)