[LiSe 04/22] Carl Amery Festival

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Carl Amery veranstaltet der Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller bis zum 9. April das Festival „Ökologie und Literatur“. Der Visionär Amery hatte in seinen Schriften auf die kommende ökologische Katastrophe hingewiesen, die Verbindungen zu gesellschaftlichem Verhalten aufgezeigt und Wege gewiesen, wie wir unsere Welt neu gestalten können. (mehr …)

[LiSe 04/22] Kurzgeschichte: Endstation

Von Nina Hölzl

Der Junge nähert sich mit schlurfenden Schritten und bleibt unbeholfen vor mir stehen. Seine Jeansjacke ist viel zu groß, seine Hose für meinen Geschmack zwei Nummern zu klein, und die weißen Turnschuhe mit drei Streifen fallen ihm schon fast von den Füßen. Zögernd und mit unsicherem Blick, der mich aus halb-geschlossenen Augen hinter verdunkelten Brillengläsern trifft, hebt er eine Hand und drückt leicht gegen mich. (mehr …)

[LiSe 04/22] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat April diese Neuerscheinungen:

Evelyn Schlag: In den Kriegen
Hollitzer

Ein Krieg ist gerade zu Ende gegangen. Drei Männer und eine Frau machen sich auf den Weg über verlassene Landstriche zu einer mythischen Halbinsel. Tanjas Verlobter Andrij ist gefallen. Jens und Iwo, zwei Deutsche, haben als Freiwillige an der Seite der ukrainischen Nationalisten gekämpft, Andrij war einer von ihnen. Vitalij, der Vierte, ist ein junger Dichter. Der Überfall der Deutschen 1941, an dem auch der Urgroßvater von Jens teilgenommen hat, ist nach wie vor lebendig in der Geschichte der Ukraine … In diesem pazifistischen Roman über den Krieg werden Schrecken und Tod durch den Aberwitz der Akteure konterkariert. (mehr …)

[LiSe 04/22] Auszeichnung: Anita Augspurg Preis für Schamrock e.V.

Bereits im vergangenen Monat konnte Augusta Laar, Begründerin und Aktivistin von Schamrock e.V., den Anita Augspurg Preis zur Förderung der Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen der Stadt München (gemeinsam mit extra e.V. – Suchthilfe für Frauen) entgegennehmen. Der Verein, gegründet 2012, organisiert alle zwei Jahre ein Festival der Dichterinnen und zudem regelmäßig Veranstaltungen mit und über Lyrikerinnen. (mehr …)

[LiSe 04/22] Rezension „Wir müssen Brot haben!“

Das Tagebuch eines jungen Mannes lässt erahnen, wie brutal Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten abgelaufen ist.

Von Katrin Diehl

Es gibt gerade bei Tagebüchern eine gewisse Banalität der Wiederholungen, die einem den immer auch voyeuristisch-neugieren Blick ins Private dieser oder jener Bekanntheit etwas vergällen kann. Aber so ist halt der Alltag. Mal ist einem wohl, dann wieder weniger. Mal wacht man früh auf, dann ein wenig später. Und auch die Jahreszeiten kehren ja immer wieder, die ersten Blüten, der erste Schnee … Ja, ja. (mehr …)

[LiSe 03/22] Zwei in Tuchfühlung: Wenn Literatur zu Musik wird

Der Komponist Wilfried Hiller gibt Einblick

Von Katrin Diehl

Die „Apokalypse“ steht an. Die des Evangelisten Johannes. Johannes befindet sich auf der griechischen Insel Patmos, dort in einer Höhle. Er lauscht, vernimmt durch Spalte in der Wand Worte, Sprache, die Stimme Gottes, die ihm in die Hand diktiert, was sich bis heute im letzten Buch des Neuen Testaments nachlesen lässt, ein wenig freundlicher anmutend auch die „Offenbarung des Johannes“ genannt. Wie sie beginnt, adelt – wer gewillt ist, das so zu verstehen – jedes Stück Literatur. Denn ginge es nach ihr, war „Im Anfang … das Wort.“ (mehr …)

[LiSe 03/22] Kolumne: Irgendwer lacht immer!

Lesung eines zeitungs-bekannten Kolumnisten: Es wird heiter werden, es darf gelacht werden. Ein Lacher disqualifiziert an einem solchen Abend nicht. Die Atmosphäre ist gelöst, der Autor gibt sich leutselig. Auf den meisten Gesichtern das entspannte Lächeln des gediegenen Lesungs-Publikums vor unbeschwerter Kost mit Anspruch. Der Autor blättert, er hat noch keinen Satz gelesen, nichts gesagt, da bläst es aus einer der hinteren Reihen. Als wolle jemand einen Mückenschwarm fortblasen. Der Vorleser blickt nicht auf, lässt nicht erkennen, ob er den Bläser bemerkt hat. Auch die Zuhörer reagieren nicht. Dann die ersten Sätze der ersten Geschichte. Es gibt definitiv nichts zu lachen. Noch nicht. (mehr …)

[LiSe 03/22] Jung und schreibend (Folge 7): Samuel Fischer-Glaser

Es geht um Raum

Von Marie Türcke

Die Frage nach dem Material des Schriftstellers, bzw. der Schriftstellerin scheint zunächst eine offensichtliche. So offensichtlich, dass sie sich eigentlich nicht stellt. Aber vielleicht sind wir genauso materialvergessen, wie wir laut Heidegger auch seinsvergessen sind. Samuel Fischer-Glaser stellt sich die Frage nach dem Material des Schriftstellers. Der Bildhauer und Autor, der an der Kunstakademie in München studierte, geht seine Schriftwerke so an wie seine Bildhauerei: Das Material – Genre und Stil – ermöglicht etwas, schafft eine Struktur und einen Rahmen, aber es schränkt auch ein, der Künstler arbeitet sich an seinem gewählten Material immer auch ab. Bildhauerei, aber auch Schreiben ist ein „Aushandeln zwischen Form und Material“. Dabei bringen verschiedene Genres jeweils eigene Anforderungen, ja sogar literaturgeschichtlichen Ballast mit sich. In dem Schreibprozess entsteht etwas, was eben nicht gänzlich frei ist, aber dafür auch mehr als die Summe seiner Teile. (mehr …)