[LiSe 01/20] Rezension: Schreib jetzt gleich los!

Von Katrin Diehl

Wer kommt bei Doris Dörries neuestem Buch „Leben, schreiben, atmen“ auf seine Kosten? Auf jeden Fall die – und davon gibt es ja nicht wenige –, die sich für eben diese Doris Dörrie, eloquente wie präsente Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin, interessieren, die deren Filme mögen, deren Auftritte im öffentlichen Leben lieben, die sich daran erfreuen, dass München diese Frau hat. Denn Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen“ ist auch eine Autobiografie, eine, bei der sich die Autorin beim Erinnern über die Schulter blicken lässt. In über 50 Kurzkapiteln werden da Stories (mit einigen Redundanzen) zutage gefördert, die „Fans“ aus der neugierigen Presse bereits kennen mögen, die man sich aber auch gerne noch einmal persönlich von der Schreiberin schildern lässt. In „Leben, schreiben, atmen“ geht Doris Dörrie hinein in ihre schmerzlichsten wie glücklichsten Lebensmomente. Erzählte Episoden aus ihren USA-Aufenthalten nehmen einen breiten Raum ein. Dörrie beschreibt Szenen ihrer Freundschaften, deren Aufs und Abs, Katastrophen, Schicksalsschläge, die das Leben liefert, Neuanfänge, die es bereit hält für den, der es schafft, wieder aufzustehen. Denn auch das ist Doris Dörries Buch, eine Mutmachlektüre, die demonstriert, dass es offensichtlich dazugehört, ab und zu ganz schön vom Leben gebeutelt zu werden. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Herab zum Ursprung

Von Bernd Zabel

Eine vielzitierte Nahtoderfahrung besagt, dass im Moment des Hinscheidens noch einmal das gesamte Leben vorbeizieht. Lavinia, die Protagonistin in Dagmar Leupolds gleichnamigem Buch, erfährt so etwas. Ein Fall, ein Sturz aus dem 25. Stock eines Hochhauses am Hudson in New York dauert nur Sekunden, die erzählte Zeit dehnt sich aber auf fast 200 Seiten aus. Ungewöhnlich ist nur der Richtungswechsel. Es geht nicht hinab, es geht herab zum Anfang, zum Ursprung. Das Wortfeld „fallen“ wird durchdekliniert, eine Biografie aus Zu-, Zwischen- und Unfällen. In der Hauptrolle die Geschichte der Liebe, überhöht als Minne, denunziert als Übergriffigkeit und Gewalterfahrung. Bei Eins ist die Autorin, Jahrgang 1955, definitiv bei der aktuellen #me too – Bewegung angekommen. Da lässt sie Lavinia zum Rundumschlag ausholen. (mehr …)

Stadtbibliothek Fürstenried wieder eröffnet

Die Stadtbibliothek Fürstenried wurde am Freitag den 13. Dezember nach dreimonatiger Umzugspause neu eröffnet. Sie ist von ihrem altenStandort in der Forstenrieder Allee in das neue Gebäude in der Berner Straße 4 gezogen.
Damit haben die Bürgerinnen und Bürger im Quartier nicht nur „ihre“ Bibliothek mit einem eingespielten Bibliotheksteam wieder zu Verfügung. Sie haben zusätzlich eine Bibliothek, die neue Wege Richtung Zukunft beschreitet:

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Verleihung des Tukan-Preises an Herbert Kapfer

Herbert Kapfer, langjähriger Hörspielleiter des Bayerischen Rundfunks, wird am Dienstag, 17. Dezember, für sein Buch „1919. Fiktion“ mit dem Tukan-Preis 2019 ausgezeichnet. Mit dem mit 6.000 Euro dotierten Preis würdigt die Stadt München jährlich eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung einer Münchner Autorin oder eines Münchner Autoren. (mehr …)

[LiSe 12/19] Das Lyrik Kabinett feiert 30. Geburtstag

–  und sich selbst mit einer Gedichtanthologie

Von Slávka Rude-Porubská

Einer voll und ganz der Lyrik gewidmeten Institution nähert man sich am besten metaphorisch an: Die slowakische Poetin Mila Haugová vergleicht das lyrische Schaffen mit der Arbeit an einem Garten. Wie im Garten nämlich die Natur einem zähmenden Prinzip zu gehorchen hat und sich ihm gleichzeitig ständig zu entziehen versucht, so oszilliert die Lyrik zwischen dem ordnenden Prinzip der formalen Geschlossenheit und der Mehrdeutigkeit von Sinn- und Bildebenen, offener Bezüglichkeit – zu anderen dichterischen „Gärten“, Poetiken, Sprachregistern. In diesem Spannungsfeld von Beständigkeit und Wandel(barkeit) agiert äußerst erfolgreich auch das Münchner Lyrik Kabinett. 1989 als ein von Ursula Haeusgen auf Lyrik spezialisierter Buchladen gegründet, nach fünf Jahren zu einem Verein und 2003 zu einer gemeinnützigen Stiftung umgewandelt, verfolgt es konstant das Ziel, die Kenntnis und das Verständnis von Lyrik in der Gesellschaft zu fördern. Der 2005 in der Amalienstraße errichtete Glasbau, das Ergebnis des Gestaltungswillens, des mäzenatischen Muts und Netzwerktalents der Stiftungsgründerin, ist zum international anerkannten, „festen Ort für Poesie aller Sprachen und Zeiten“ geworden. Haeusgen hat LyrikliebhaberInnen in einem Freundeskreis mit mehr als 320 Mitgliedern organisiert und aktive MitstreiterInnen unter Verlags- und Medienleuten, WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen gewonnen, darunter Michael Krüger, Frieder von Ammon, Tobias Döring, Àxel Sanjosé, Kristina Maidt-Zinke, Verena Nolte oder Antonio Pellegrini. (mehr …)

[LiSe 12/19] Kolumne: Auf frischer Tat ertappt?

Man kann fast darauf warten: Es vergeht kein Monat, dass nicht ein neuer Plagiatsvorwurf durch die Medien geistert. Jüngst traf es die Darmstädter Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch, deren für den Bayerischen Buchpreis nominierter Titel „Gesellschaft des Zorns“ zuerst öffentlich gebrandmarkt und daraufhin vom Verlag zurückgezogen wurde. „Fehlende Quellenbelege“ lautet die Diagnose. Das Unrechtsbewusstsein hält sich in den meisten Fällen aber in Grenzen. Es beginnt schon in der Schule: Referat in Deutsch oder Geschichte? Ist schnell über den Drag & Drop-Button aus Wikipedia zusammengestellt. Und vielleicht heißt es ja schon in ein bis zwei Jahren: „Alexa, kannst du mir bei meiner Hausarbeit helfen?“ Antwort: „Aber gern, wie viele Seiten dürfen es denn sein?“ (mehr …)

[LiSe 12/19] Literarische Archive (Folge 10): Carossa und Kubin

Aus dem Nachlass Hans Carossas in der Monacensia

Von Hans-Karl Fischer

Was ich mir bestellen wolle, fragt die Frau hinter der Theke. Ich bestelle mir die Rede Hans Carossas über Alfred Kubin, gehalten in der Galerie Günther Franke im Jahr 1930. Schon immer hatte ich es für ungerecht gehalten, daß der Dichter den Zeichner ein „Mondgesicht“ genannt hat, genauer gesagt, er spricht in seinem Erinnerungsbuch „Führung und Geleit“ von einem „Gesicht, das eher dem Reich des Mondes als dem der Sonne anzugehören schien“. (mehr …)

[LiSe 12/19] Rezension: Teheran liegt am Meer

SAID – Gentleman aus Giesing

von Klaus Hübner

Wenn Giesing ein Krankenhaus wäre, dann wäre die Tegernseer Landstraße die „Notaufnahme“, hat die Süddeutsche Zeitung einmal geschrieben. Die bunte und lebendige „Tela“ ist auch deshalb etwas Besonderes, weil dort seit Jahrzehnten ein großer Dichter lebt: SAID. 1947 in Teheran geboren, musste er sein Heimatland schon 1965 verlassen. Seitdem ist er Münchner, genauer gesagt: Giasinger. Unbekannt ist SAID nicht. Er kann auf ein umfangreiches Werk zurückblicken, das beim Lesepublikum wie in der Literaturkritik auf lebhaftes Echo stieß und stößt – Gedichte zumeist, aber auch exzellente Prosa, dazu noch Hörspiele und Essays. (mehr …)