[LiSe 01/19] Der Geist ist da

In Geiselgasteig wird seit 100 Jahren Literatur verfilmt

Von Ina Kuegler

Am 2. März 2019 ist es soweit: In Geiselgasteig, vor den Toren Münchens, wird die Ausstellung „100 Jahre Filmstadt Bavaria“ eröffnet. Auf einer Zeitreise von 1919 bis heute kann das Publikum deutsche und internationale Filmgeschichte nachvollziehen – anhand von Fotos, Requisiten, Dekorationen, Drehbüchern und Kostümen. Hundert Jahre Bavaria-Filmgeschichte: Das bedeutet nicht nur frühe Filme von Hitchcock, harmlose Nettigkeiten aus den 50er Jahren wie „Das Wirtshaus im Spessart“, internationale Erfolge wie „Das Boot“ oder TV-Soaps wie „Marienhof“. 100 Jahre Filmgeschichte würdigen auch etliche Literaturverfilmungen, und zwar für das Kino und ab den 60er Jahren für das Fernsehen. Das Spektrum reicht von „Wallenstein“ bis zu „Berlin Alexanderplatz“. (mehr …)

[LiSe 01/19] Kolumne: Entwurzelte Gesellen

Ein Toter steht in Münchens Wohnungen. Das ist der Weihnachtsbaum. Erst gekauft, geschmückt, besungen, dann weggeworfen – wie manchem Firmenchef ergeht es ihm, könnte man sagen, Winterkorn z. B., VW, oder Stadler, AUDI, wenn es hier um Wirtschaft ginge, aber es geht hier um weit Feineres. Um die Psyche der Zimmerpflanzen zum Beispiel. Wir kennen sie bestens, wir sprechen ja täglich mit ihnen! Sie mögen ihn nicht, den Weihnachtsbaum, haben sie geflüstert, sie tuscheln hinter seinem Rücken, sie sprechen ihn an, aber er antwortet nicht, leblos wie er ist. Er ist ein Fremder, ein abgehackter, entwurzelter Geselle, der stachelig vor sich hinstarrt. Manchem Vater und Ehemann gleich, der an Weihnachten notorisch nach Innen emigriert. Und sie ahnen vielleicht, dass sie in Kürze auf städtischen Müllbergen landen werden, die Münchner Weihnachts- und ihre etwa 25 Millionen deutschen Landsbäume, verbrannt ohne Pardon und Bedauern selbstverständlich von denselben Menschen, die um die gerodeten Pflanzen am Amazonas trauern. Der Weihnachtsbaum in spe, wie er in Zwangskulturen aufgezogen wird, hat eine schwache Lobby. Das Finanzielle spricht zu sehr für ihn!  (mehr …)

[LiSe 01/19] Auszeichnung: Die Themen müssen Spaß machen

Der diesjährige Kleinverlagspreis geht an den Büro Wilhelm Verlag aus Amberg.

Von Katrina Behrend Lesch

Von München aus gesehen ist Amberg in der Oberpfalz Provinz, was seine Vorzüge hat. Die Stadt bietet Einzigartiges, das Luftmuseum etwa oder die Glaskathedrale, ein wunderschöner Industriebau von Walter Gropius. Und nun den besten bayerischen Kleinverlag. den Büro Wilhelm Verlag. Das Bayerische Kunstministerium zeichnete ihn mit dem diesjährigen Kleinverlagspreis aus, der heuer zum zehnten Mal verliehen wurde. Hinter dem etwas trockenen Namen stehen die drei Grafiker, Künstler, Individualisten Wilhelm Koch, Gerhard Wilhelm H. Schmidt-Schönenberg und Manfred Wilhelm. Vor 16 Jahren fingen sie an mit dem Büchermachen, neben ihrer Designagentur, deren Schwerpunkt die Darstellung und Vermittlung von Architektur ist. Folgerichtig mit einem Architekturführer über die Oberpfalz. „Wir wollten zeigen, was hat die Region an hochwertiger Architektur zu bieten, und brachten einige Bücher  dazu heraus. Zuerst noch ohne Verlag, den Vertrieb besorgte ein anderer. Dass wir das auch selber machen können hat sich dann so ergeben“, sagt Wilhelm Koch. Wobei das Selbermachen wortwörtlich zu nehmen ist, denn tatsächlich entstehen die Bücher komplett bei ihnen, sowohl was den Inhalt als auch die Umsetzung anbelangt, Text, Gestaltung, Produktion, zumindest begleitend, und Vertrieb. Wenig Arbeit ist das nicht, auch wenn Koch den Verlag mit einigem Understatement als „Nebenschauplatz“ bezeichnet. Mittlerweile sind auf diesem Nebenschauplatz an die 50 Bücher erschienen, dazu 120 Baukulturführer, Monographien zu moderner Architektur. (mehr …)

[LiSe 01/19] Kurzgeschichte: Brandung

von Philipp Stoll

In jenem heißen Sommer suchte ich vergeblich nach Schlaf. Nacht für Nacht wälzte ich mich von der einen auf die andere Seite, versuchte Bauch- und Rückenlage, hielt es nie mehr als ein paar Minuten aus, schleuderte das verschwitzte Laken von mir, um es kurz darauf in der Dunkelheit zu finden und schützend über mich zu breiten. Zwar gelang es mir, meine Augen zu schließen, indes blendete mich aus meinem Inneren heraus eine merkwürdige Helligkeit, so dass ich es vorzog, mit offenen Augen in der diffusen Dunkelheit meines Zimmers den Beginn eines Traumes zu erwarten, irgendeines. Tagsüber quälte ich mich völlig übermüdet durch eine buntschrille Welt, die laufend Entscheidungen verlangte, für die mir der Überblick fehlte. Nachts lag ich in meinem Bett, tat kein Auge zu und wälzte die unerledigten Entscheidungen. Dem Rat von Freunden folgend versuchte ich es mit körperlicher Anstrengung und unternahm trotz der unerträglichen Hitze ausgedehnte Spaziergänge. Auch verordnete ich mir einen täglichen Schwimmaufenthalt im nahegelegenen See, aber das Wasser war nahezu lauwarm und kühlte kaum. Schließlich riet man mir zu einem vorübergehenden Ortswechsel.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Rezension: Eine Geschichte von Rettung und Neuanfang

Lilly Maiers Sachbuchroman „Arthur und Lilly“ – Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende

Von Katrina Behrend Lesch

Es ist ein besonderer Tag, ihr Schicksalstag, wird Lilly später sagen, als Arthur in ihr Leben tritt. Er: 75 Jahre, als Kind dem Holocaust entronnen, in den USA lebend. Sie: ein elfjähriges Mädchen, das er bei einem Besuch seiner Wiener Wohnung aus Kindertagen kennenlernt. Gebannt lauscht sie seinen Erzählungen, die sie nicht mehr loslassen werden. Sie will die Vergangenheit erforschen, nimmt an einem Schülerprojekt über die Juden in Österreich teil. Später studiert Lilly Maier Geschichte in München und Journalismus in New York und beginnt mit dem Schreiben ihres Buches „Arthur und Lilly“. Da ist sie Anfang 20 und ahnt nicht, was für eine immense Recherchearbeit vor ihr liegt. Dem Schicksal von jüdischen Kindern nachzuspüren, die mit einem Kindertransport ins rettende Ausland geschickt wurden, erfordert mehr als nur Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Sie erfordert Hingabe, und die wächst ihr zu durch die Freundschaft mit Arthur. Doch auch er profitiert davon, denn nun wagt er wieder Kontakt zu seiner Vergangenheit aufzunehmen. (mehr …)

[LiSe 01/19] In eigener Sache: Redakteur*in gesucht

Die LiteraturSeiten München suchen eine Verantwortliche Redakteurin, einen Verantwortlichen Redakteur, da Ina Kuegler, die diesen Posten lange Jahre inne hatte, aufhören möchte. Sie oder er sollte journalistische Erfahrung haben, schreiben und redigieren können, Themen aufgreifen und dem Team zur Bearbeitung vorschlagen. Dafür ist neben der Aufmerksamkeit für den Münchner Literaturbetrieb ein Aufwand von etwa 10 Stunden pro Monat nötig, vornehmlich zu Redaktionsschluss, um die Beiträge zu sammeln, zu überprüfen und ev. zu bearbeiten. Unser Team, das aus derzeit acht gleichberechtigten Mitarbeiter*innen besteht, trifft sich alle zwei Monate zu einer Redaktionskonferenz und legt die Themen für die nächsten Ausgaben fest. Die redaktionelle Tätigkeit erfolgt ehrenamtlich.

Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich bitte unter: redaktion@literaturseiten-muenchen.de