[LiSe 12/19] Kurzgeschichte: „DERMITDEMSTEIN“

Von Isa Bellini

Immer wieder wurde er gefragt, wieso er einen Granitquader mit sich herumschleppe und irgendwann fragte ihn auch niemand mehr, weil er eben der war mit dem Stein. Grob behauen war der und kantig, zu groß um ihn mit einer Hand zu umschließen.

Nur noch wenige erinnerten sich daran, dass er gesagt hatte, dass ihm Xaver gesagt hatte, dass es gut wäre so einen Stein bei sich zu haben, für alle Fälle und auf Xaver war Verlass, der wusste immer was Sache war. (mehr …)

[LiSe 10/19] Kurzgeschichte: Willi, das Chamäleon

Von Paul Holzreiter

Der Kies knirscht, die Sonne blinzelt durch die Kastanien, der Willi, eben noch vor mir auf den Biertisch hingelümmelt, kriegt auf einmal einen weiten Blick. Er rappelt sich hoch, richtet sich hinter seiner Maß auf: „Ich bin ein Chamäleon.“

Ein Chamäleon? Der Willi? Wie kommt er denn da drauf? „Kack“, sage ich, „kack, bist du ein Chamäleon. Du bist der Willi!“

„Willi, das Chamäleon“, sagt der Willi. Er hebt seine Maß und will mit mir darauf anstoßen, dass er es zum Chamäleon gebracht hat. (mehr …)

[LiSe 09/19] Kurzgeschichte: Im unheiligen Ehestand

Von Beate Klepper

Stand Lichtenberg am Fenster, um nach der Jacobi-Uhr oder dem Wetter zu sehen, war dies stets mit einer Art von Vorsicht verbunden. Eine Vorsicht, die sich in seiner immer dem Zimmer zugewandten Schulter zeigte, jederzeit bereit, zurückzuweichen. Tatsächlich ging er oft, wenn ein Bekannter vorbeiging, vom Fenster weg.

»Nicht sowohl um ihm die Mühe einer Verbeugung, als vielmehr mir die Verlegenheit zu ersparen zu sehen, dass er mir keine macht.«

Maria lächelte zwar über diese Bemerkung, doch ließ etwas in ihr nicht locker, das ihr sagte, er mochte schlicht und einfach nicht gesehen werden. Die »Verlegenheit« der versäumten Ehrerbietung eines Bekannten zählte Maria zu den kleineren Übeln, über die Lichtenberg hinwegsehen konnte. Das, was sie an vielen kleinen Zurückhaltungen und Empfindlichkeiten, besonders während und nach seiner Krankheit, an ihm erspähte, nahm zu. Zweifellos, so war es. Seine Art, engere Bekannte höflich aber bestimmt, den Busenfreund Dieterich auch unverblümt hinauszukomplimentieren, war deutlich. (mehr …)

[LiSe 07/19] Kurzgeschichte: Der Papagei

Von Helmut Michael Schmid

Es ist ein außergewöhnliches Tier“, sagte der Zoohändler und deutete auf einen grün-gelb gefiederten Papagei. „Außergewöhnlich intelligent und außergewöhnlich sprachbegabt. Sie werden Ihre Freude mit ihm haben.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, einen Hamster zu kaufen, aber der Verkäufer hatte mich mit penetranter Beharrlichkeit davon abgebracht. „Was kann Ihnen denn ein Hamster bieten? Rennt den ganzen Tag im Laufrad und scheißt den Käfig voll. Dieses Prachtexemplar“ – er deutete wieder auf den Papagei – „bietet Ihnen etwas ganz anderes: Geselligkeit, Kommunikation. Wer redet denn heute noch mit einem? Da ist ein sprachbegabter Papagei genau das Richtige.“

Der Papagei machte einen gepflegten Eindruck. Die Federn glänzten und die Krallen sahen gesund aus. Mit seinen dunklen Knopfaugen betrachtete er mich als wolle er ausloten, ob ich für ihn ein adäquater Gesprächspartner sein könnte. „Und außerdem“, begann der Verkäufer wieder, „haben Sie einen Partner fürs Leben. Diese Spezies wird bis zu 80 Jahre alt.“  (mehr …)

[LiSe 06/19] Kurzgeschichte: Neuware

Von Sven Heuchert

Ludwig Bürling hatte das Paar schon eine ganze Weile beobachtet. Anfangs waren sie durch die Abteilung mit den Kinderwagen geschlendert. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie redeten nicht viel miteinander, warfen sich hin und wieder Blicke zu. Schließlich blieben sie vor einem der Betten stehen. In all den Jahren hatte Bürling gelernt, nichts zu überstürzen. Also tat er so, als notiere er etwas in seine Kladde. Er wartete ab, bis der Mann sich bückte, um nach dem Preisanhänger zu suchen. Dann steckte er den Kugelschreiber in die Hemdtasche und ging zu ihnen. (mehr …)

[LiSe 04/19] Kurzgeschichte: Angeschwirrte Verwandlung

Von Jens Rohrer

Als ich im letzten Winter an einem kalten Schneetag unterwegs nach Hause war, lag da ein Meisen-Knödel am Boden. Da er auf dem Boden für jede Katze erreichbar war und somit jeder Vogel, der sich ihm näherte, in Gefahr, steckte ich ihn ein. Ich hatte nie auch nur daran gedacht, des Winters Tiere mit Nahrung zu versorgen, aber was konnte es schon schaden. In meiner Wohnung legte ich in Ermangelung eines Balkons den Knödel auf das Fensterbrett und fixierte ihn mit einer Reißzwecke. Bald ertappte ich mich dabei, wie ich einen Vogel beobachtete. Mein Lesesessel war auf das beknödelte Fenster gerichtet und einmal blickte ich von meinem Buch auf und sah einen Vogel dort landen. Und wenn ich schon mal hinsah, konnte ich auch die Gattung des gefiederten Gesellen herausfinden. Blaumeise wohl am ehesten. Als ich aber meinen Laptop zum genaueren Abgleich ans Fenster hielt, flog er davon. Ich blieb am Fenster stehen und wartete auf seine Rückkehr. Bald kam er wieder angeschwirrt, landete auf dem Blech, trippelte, trapste und hopste Richtung Futterquelle und pickte ein bisschen, bis er mein Gesicht hinter der Scheibe sah, erschrak und abermals flüchtete. Ich las weiter, bis ich wieder das Geräusch von Vogelkrallen auf dem Fensterbrett hörte. Wieder eine Choreographie aus Trippeln und Trapsen und Hopsen und er blieb auch, als ich mich der Scheibe näherte. (mehr …)