[LiSe 09/22] Kurzgeschichte: Eichendorffplatz

Am folgenden Sonntag fahren wir zum Eichendorffplatz, weil wir uns jetzt von Namen leiten lassen oder auch die Namen beim Wort nehmen wollen. Wir steigen am Partnachplatz aus. Ich mag das Design dieser Stationen, das den achtziger Jahren entstammt: die changierenden Farben von Cremefarben bis Grün, die sanften Abrundungen, die langen, am Ende leicht gewundenen Linien aus Neonröhren, alles ist gleitende Bewegung hier, unhörbares Fließen, ein Bezugssystem, das sich richtiggehend erfüllt, wenn die U-Bahn mit ihren blauen Sitzen in die Station einfährt. (mehr …)

[LiSe 06/22] Kurzgeschichte: Das Kind

Von Linda Benedikt

Ich hatte einst ein Kind. Ich kam zu ihm, wie die meisten Frauen zu Kindern kommen; es waren auf jeden Fall keine außergewöhnlichen Umstände.

Die Schwangerschaft verlief ohne Beschwerden, die Geburt war kurz und das Kind gesund. Ich gab ihm gerne meine Brust, war angetan von seinen blinden Blicken und hin und weg von seiner neugeborenen Frische. Die von Hungerschreien zerbrochenen Nächte störten mich nicht. Ich schubste sachte seine Wiege, wenn es greinte, legte es mir über die Schulter, wenn ich schrieb und korrigierte meine Texte, wenn es schlief. (mehr …)

[LiSe 04/22] Kurzgeschichte: Endstation

Von Nina Hölzl

Der Junge nähert sich mit schlurfenden Schritten und bleibt unbeholfen vor mir stehen. Seine Jeansjacke ist viel zu groß, seine Hose für meinen Geschmack zwei Nummern zu klein, und die weißen Turnschuhe mit drei Streifen fallen ihm schon fast von den Füßen. Zögernd und mit unsicherem Blick, der mich aus halb-geschlossenen Augen hinter verdunkelten Brillengläsern trifft, hebt er eine Hand und drückt leicht gegen mich. (mehr …)

[LiSe 03/22] Kurzgeschichte: Warum lieben sie uns nicht

Von Wolfram Hirche

Spät am Tag in der Mitte des Sommers, ein Tag im Juli, die Mücken tief im Park, keine Schwalbe am Himmel, die Taxifahrer hupen nervös, Radfahrer queren bei rot die Straßen, Mütter retten ihre Brut; eine Gewitterfront nähert sich von Westen, Schwüle in den Straßen. Das Jahr schon alt und klebrig von Erinnerungen. Man wartete ungeduldig. Die Seen auf Badeenten, auf rosa Krokodile, die aufgeblasen lagen und herunterschauten durch schwarz lackierte Balkongeländer, erwartungsvoll. Die wahre Hitze wollte nicht durchbrechen in diesem Sommer. (mehr …)

[LiSe 02/22] Kurzgeschichte: Noch nicht!

Von Tania Rupel Tera

Die Tram zeigt sich langsam von oben. Sie kriecht aus dem Berg, wie ein Wurm aus einem faulen Apfel. Witoscha, heißt dieser Apfel, schöner Name, weiblich. Aber warum ist er so dunkel, so gefroren? Ich steige ein. Zu viele Menschen für einen Sonntag, schießt es mir durch den Kopf. Wohin wollen sie denn so früh? Ich muss ins Krankenhaus, deswegen bin ich hier. Warum du, schmächtiges, zu stark geschminktes Mädchen? Und du, Opa? Ich kann nicht aufhören, innere Gespräche zu führen. Wohin willst du denn am Mittag, ungnädige Frau mit hässlicher Mütze? Ich habe es eilig, meine Mutter hat ihre erste Chemo, und du trittst mir auf den Fuß. Hallo, hör auf, das ist die schwerste Zeit meines Lebens. (mehr …)