Und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste war Michael Krüger auch (von 2013 bis 2019).

Von Katrin Diehl

Dieser Mann hat höchste Verdienste an der Literatur, der deutschen wie der internationalen. Er hat höchste Verdienste am literarischen Deutschland, an München als Kultur- und Literaturstadt, das unter seiner „Ägide“ noch mal so richtig – tja – zum Leuchten kam. Und selbstverständlich hat er auch ganz schön viel fürs deutsche Verlagswesen getan, denn der vergleichende Blick blieb den Kolleg*innen ja nicht erspart. Wie schwer ist es, wirtschaftlich zu bleiben und sich dennoch dem Schönen, Guten, Seltenen, Anspruchsvollen und immer wieder auch der Lyrik … in schmucken Ausgaben zuwenden zu können? Michael Krüger (82), Schriftsteller, Dichter, Essayist, Übersetzter, Artikelschreiber (nächste Frage: Wie schafft man es, diese Menge an stetig guten Texten „zu liefern“, so leser*innenfreundlich wie zugewandt wie informativ und immer das Gefühl vermittelnd, einen kleinen Blick freizugeben hinter die Kulissen der Literaturwelt mit all ihren seltsamen Bewohner*innen?). Michael Krüger hatte sein Leben lang mit Schriftstellern, mit Dichtern zu tun. Seine „Ägide“, das waren die Jahre bei Hanser. Dem Münchner Verlag (seit 2011 mit einer Tochterfirma in Berlin) stand er von 1986 bis 2013 vor. 14 Autor*innen, die er in seinem Haus betreute, erhielten den Literaturnobelpreis. Von 1981 bis 2014 war er Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“ („das machte ich am Wochenende“). Im Verlagsgebäude in Bogenhausen war er ebenso zu Hause wie seine Dichter und Schreiber bei ihm Zuhause zu Hause waren. Und auch das erfahren wir aus seiner bisher (und das kann ja gerne so weitergehen) zweibändigen Autobiografie, die ja um Himmelswillen keine Autobiografie sein soll. Auf „Verabredung mit Dichtern“ (2023) folgte jetzt der Titel „Unter Dichtern“, in dem er gekonnt und geschmeidig verbindet, was er schon mal irgendwann und irgendwo gesagt, veröffentlicht hat, in dem er wieder so schnoddrig wie schön über sich selbst und die Literatur erzählt. Alles findet sich hier noch mal gebündelt und vereint (zum Beispiel auch Krügers „Münchner Rede zur Poesie“ von 2014, in der es ihm „natürlich darum ging, die Poesie zu verteidigen“). Viel zu viele Nachrufe auf Kolleg*innen sind hier versammelt, die ein Abschied bedeuten, nicht nur von einem Menschen, sondern von einer verschwindenden Literatur-, Verlegerwelt, die viel mit Begegnung und wohlwollendem Umgang miteinander zu tun hatte. Und das macht die Bände so wertvoll, dass sie fein lesbar dokumentieren, wie das einmal war, als noch unheimlich viel geraucht, getrunken und gerettet (Menschen wie Texte) wurde. Sie beschreiben eine vergehende Welt und sind selbst Teil davon. Weshalb Krüger auch manchmal – und ein wenig überflüssig – schimpfen muss übers Heute, dessen Sprache, Literaturbetrieb, Bücher. Auch das heutige Theater muss dran glauben, und das wirkt dann doch ein wenig ungerecht, auch ein wenig reflexhaft (überhaupt gibt’s Stolperer: „der feinsinnige Ernst Jünger“, jetzt wirklich?). Geschenkt. Zumal ja vergangene Zeiten immer die Vor- und Ausgangslage bilden für alles, was dann kommt, wozu zum Beispiel auch gehört, dass sich heute Autorinnen, Dichterinnen enorm präsent zeigen, Frauen, die in Krügers Buch unter „Dichtern“ laufen und in einer argen Minderzahl sind.

Krüger erzählt in „Unter Dichtern“ entlang von Straßen, die er Umzug für Umzug und immer ein bisschen etablierter werdend in und bei München bezogen hat. Da wären die: Hildebold-, die Herzog-, die Liebig-, die Kaiser-, die Gellertstraße … Weshalb „Unter Dichtern“ auch ein Münchenbuch ist und ein Bild einer Zeit, in der München Berlin als Autor*innenstadt um Längen voraus war (heute ist das – den Mietpreisen sei Dank – gerade umgekehrt): an jeder Ecke ein Dichter, in jedem Haus ein Filmemensch, unter jedem Dach ein Poet. Günter Bruno Fuchs, Hans Bienek, Helmut Heißenbüttel, Urs Widmer, Jürgen Becker, Hermann Lenz, Peter von Matt, Peter Huchel, Inge Christensen, Ilse Aichinger, Paul Celan … bekommen viele Seiten, ebenso Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik Kabinetts, die Michael Krüger kurzerhand in den Heiligenstand gehievt hat, was sie zur ewigen „Heiligen Ursula“ macht. Ein Namensregister fehlt, was ein bisschen schade ist, dem Charakter des Buches aber entspricht. Ein paar Fotos sind eingestreut mit den Männern und Frauen, als sie alle noch jung waren und rauchend und trinkend durch schöne Landschaften wanderten, bevor sie sich zusammenhockten und Nächstes ausheckten.

Michael Krüger: Unter Dichtern
Hardcover, 600 Seite
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
34 Euro