„Nimm deinen Schmerz und nutze ihn“
Ein neues Jahr, eine neue Serie. Mit wie vielen Folgen? Mal sehen. In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause. Wir beginnen in den Öffis.
Von Katrin Diehl
Sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln (zur Rush Hour) einem haptischen Buch mit umzublätternden Seiten zu stellen, ist ein Vergnügen besonderer Art. Wer beim einhändigen Jonglieren die Zeilen nicht aus den Augen verliert, wer bei fein gebautem Spannungsbogen das Aussteigen nicht vergisst, wer’s hinbekommt (auch gegen Fahrtrichtung) einem hochkomplexen Plot zu folgen, ohne dabei die so folgenreichen wie dahingebrummten Durchsagen der „obersten Leitstelle“ zu verpassen, ist gut gewappnet. Zudem sollte er/sie Resilienz zeigen, damit bei all den Verspätungen und ungemütlichen Manövern der Lesespaß nicht leidet. Es grüßt: „Ihr MVV.“
Eine kleine Statistik
Von „Performative Reading“ (dem schick zur Schau gestellten Lesen bestimmter/intellektueller Titel), einem Trend auf Social Media, haben wir nichts gespürt (aber, wer weiß?). Lektüre auf Englisch ist allgegenwärtig. Und natürlich greifen viele Menschen, wenn sie sich auf den Weg machen, zu Büchern in ihrer Muttersprache, was uns regelmäßig überfordert und wir uns dafür entschuldigen müssen, dass uns nichts anderes bleibt, als diese fremdsprachigen Titel unter den Tisch fallen zu lassen. Gerecht ist das nicht.
Gefühlt sitzen in jeder U-, jeder S-Bahn mindestens vier, fünf Menschen, die ein Buch in der Hand halten. Fette Klassiker aus dem Jugendbuchbereich, die auch Erwachsenen Spaß machen (Momo, Harry Potter …), werden weiterhin und gerne mitgeschleppt, zudem viel Unterhaltendes, auch immer wieder einmal das, was sich gerade bestens verkauft und auf den Bestseller-Listen oben mitmischt.
Manchmal bedeutet es einen eigenen Sport, einen Blick auf den Buchtitel des/der öffentlich Lesenden zu erhaschen, ohne die/den Lesende*n zu stören oder sonst irgendwie durch seltsame Körperhaltung aufzufallen. Und ein bisschen zu neugierig sind wir uns ab und zu auch vorgekommen. Auch dafür möchten wir um Entschuldigung bitten; und wie nützlich sind da die Fensterscheiben, die unsere Aktion unterstützen und brav spiegeln. Für uns lag der Reiz dieser Serie vor allem darin, sich dem Zufall zu ergeben. Was uns begegnet, wird besprochen, ob es uns gefällt oder nicht. In welcher Art? Da wollen wir uns viel Freiheit lassen. Die klassische Literaturbesprechung wird das jedenfalls nicht werden. Dafür öffnet sich unser Herz ganz der Situation, dem immer besonderen Moment, einem lesenden Menschen zu begegnen.
Los geht’s
Voller Hoffnung und hochambitioniert? Oder schon ziemlich verzweifelt und knapp vorm Aufgeben? Die junge lesende Frau in bequemer grauer Jeans, weichgetretenen Adidas-Schuhen, fluffigem Schal hält sich da bedeckt. Kann sein, sie hat sich, über die Bedenken des Elternhauses hinweg, vorgenommen, sämtliche Vorsprechtermine an den deutschen Theaterhäusern von Nord nach Süd, von Ost nach West, wahrzunehmen und holt sich aus „The Power of the Actor“ ihre Tipps. Kann sein, sie bekam gerade gestern die 187. Absage des Theaters XY und beschließt: „Einmal geb‘ ich mir das noch, wird’s wieder nichts, stell’ ich mich in Papas Metzgerladen und verkauf‘ Blutwurst.“ Kann sein, sie träumt von Hollywood.
In „The Power of the Actor“, einem „Bestseller der Los Angeles Times“ und 2004 zum ersten Mal erschienen, gibt die amerikanische „Acting-Coach“ Ivana Chubbuck Auskunft über von ihr zusammengestellte Techniken, die Menschen wie Brad Pitt, Charlize Theron, Halle Berry oder Djimon Hounsou zum Durchbruch verholfen haben sollen. Chubbuck stellt ihr zwölfstufiges Programm vor, das den Prozess vorgibt, den man zu durchlaufen hat. Ängste, Sensibilitäten, Baustellen des eigenen Lebens also, gelte es, laut Chubbuck, als Energiequellen zu nutzen. „The Power of the Actor“ enthält außerdem Erfahrungsberichte berühmter Schauspieler*innen. Seit 2017 gibt es Ivana Chubbucks Lehrbuch unter dem Titel „Die Chubbuck-Schauspieltechnik – in 12 Schritten zum Erfolg“ „endlich auch“ auf Deutsch. Und das genau ist es, was wir der jungen Leserin wünschen: viel Erfolg! „Nächster Halt: Kolumbusplatz.“