Fröhlich radle ich durch die zapfige Morgenluft. Es ist nicht der MVG-Streik, der mich dazu bewegt, sondern die Freude am Fahren und Erleben! Ein kleiner Auszug der Verlockungen: Eisformationen im Sonnenlicht, freigelegte Landschaft in auflösendem Nebel, zugefrorener Isar-Kanal mit Enten und Gänsen, Soundspektakel des übrigen Federviehs. Es ist wie die Beschreibung einer Szene zu Beginn einer Geschichte. Was werde ich heute erleben?
Ein Spaziergänger kommt mir entgegen, in völliger Harmonie mit sich selbst. Gut eingepackt, mit Handschuhen ein Buch in den Händen haltend, die Seiten aufgeschlagen und im Gehen lesend! Ich traue meinen Augen nicht und schaue aufmerksam hin. Ich sehe richtig. Anscheinend kann er das Buch nicht aus der Hand legen. Das kenne ich.
Genau diesen Schlüsselmodus – das „Wiedererkennen“ (Recognition) – beschreibt Rita Felski in ihrer Abhandlung „Uses of Literature“. Es ist einer der vier Aspekte, die die Professorin zu literarischen Erfahrungen untersucht. Mir passiert es, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und nach dem Aussteigen noch gehend weiterlese, bis die Seite, der Abschnitt oder der Satz zu Ende ist. Doch dieser Leser hat seine Lektüre zum Gehen mitgenommen, keine Tasche weit und breit. Er liest während seiner Bewegung. Augenblicklich erlebe ich den nächsten Schlüsselmodus: die „Verzauberung“ (Enchantment). Ich halte an, beobachte ihn, wie er glückselig seinen Weg fortsetzt.
Inspiriert von diesem erlebten Tages-kapitel, erzähle ich davon in meinem Umfeld, sowohl bei realen Begegnungen als auch in digitalen Chats. Es fühlt sich beides echt an. Die Faszination von meinem Erlebnis findet bei den meisten Zuspruch. Der Kommentar eines Freundes macht mir den weiteren Aspekt der Autorin deutlich: „Schock“ (Shock). „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Und wenn ich lese, dann lese ich.“ Rita Felski zeigt auf, wie Literatur unser Leben bereichert und prägt. Mich führt es zu einer neuen Betrachtung für das Lesen im Gehen. Ich vertiefe mich im Laufe des Tages auf diesen Blickwinkel und spiele die möglichen Einwände durch – im Kopf und in Gesprächen.
Wie richtig Rita Felski in ihrer Forderung liegt, Literatur positive Bedeutung zu geben, zeigen die kontinuierlichen Arbeiten von Sophie Johanna Kaiser zum Aspekt „Wissen“ (Knowledge): Die Münchner Künstlerin befragt Frauen nach jenen Büchern und Autorinnen, die ihr Leben und Handeln beeinflusst haben. Sie ist zugleich an den Orten interessiert, in denen sich diese Literatur bei den Befragten entfaltet. In Kaisers Portrait, das sie von mir malte, zeigt sie mich auf dem Rücken liegend, Beine an der Wand hochgelegt, vertieft in mein Buch. Was hätte wohl der lesende Spaziergänger dazu gesagt? „Ich lese, also gehe ich!“?
Sevda Cakir