Ich muss Sie warnen. Sie können nicht mehr einfach eine Buchhandlung betreten und sich dann links und rechts umschauen (links vielleicht, aber bitte nicht in der extrem linken Ecke), ein Buch mit EC-Karte kaufen (Vorsicht, Datenschutz), und sich mit einem locker-subversiven Spruch verabschieden (z. B. „560 Seiten? Na, dann auf in den Kampf“)!
Sobald Sie die Schwelle einer Buchhandlung betreten, begeben Sie sich in eine zumindest theoretische Gefahr. Daher mein dringender Rat: Schauen Sie sich genau an, wer diese Buchhandlung frequentiert. Wer verhält sich verdächtig? Welche Titel werden hier verkauft? Was wird in der Auslage präsentiert? Und was sagt das Graffiti an der Hauswand über die Gesinnung des Händlers bzw. der Händlerin?
Im Buchladen selbst schauen Sie sich möglichst unauffällig um. Greifen Sie nur nach unverfänglichen Titeln, machen Sie einen großen Bogen um alles, was Ihnen extrem erscheint. Was extrem ist? Da kann Ihnen nur der Verfassungsschutz helfen. Denn jetzt ist es raus, unsere Buchhandlungen werden vom Inlandsnachrichtendienst beobachtet – und an wen sendet er seine Nachrichten? Unter anderem an den Kulturstaatsminister!
Der ließ drei Buchhandlungen von der Nominiertenliste für den Deutschen Buchhandlungspreis streichen, mit dem das Engagement (inklusive der kulturellen Vielfalt) unabhängiger Buchhandlungen ausgezeichnet wird. Dabei wandte er das „Haber-Verfahren“ an, oder, um es auf eine kurze Formel zu bringen, „Habemus Extremismus“! Es handelte sich um einen Verdacht, wohlgemerkt, doch worauf sich dieser Verdacht gründete, sagte das Ministerium nicht.
Also Augen auf bei der Bücherwahl. Und wo wir schon mal dabei sind, schauen wir doch ins eigene Regal. Bis jetzt habe ich mich vom Extremismus-Verdacht immer freigesprochen, aber ich sag es Ihnen im Vertrauen: Die Schlapphüte hätten ihre helle Freude an meiner Lektüre. Mir stockt der Atem bei Harry Mulisch: „Das Attentat“. Benedict Wells leistet mit „Die Wahrheit über das Lügen“ jedem Meineid Vorschub. Was fange ich an mit Alex Capus „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“? Am besten in die 2. Reihe damit. Und Joachim Meyerhoffs „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ kann ich nur als offenen Aufruf zum Umsturz lesen.
Ich schaue ins Nachbarhaus, warum brennt da um diese Zeit noch Licht? Ich ziehe den Vorhang zu – und bin ratlos: Was darf ich noch lesen? Wo bin ich zu weit links abgebogen, während mein Schulterblick immer nach rechts ging? Und dann zieh ich erleichtert Stéphane Hessel aus dem Regal: „Empört euch!“ Recht hat er. An Literatur ist noch kein Land zugrunde gegangen. An Zensur schon eher. Also: Lest links, lest rechts, lest, was euch gefällt und euch berührt. Lesen erweitert den Horizont – und wo der anfängt oder endet, entscheidet jede und jeder selbst.
Markus Czeslik
