Safia Al Bagdadi schreibt über eine Familie ohne soziale und kulturelle Sicherheiten
Von Ursula Sautmann
Layla, die Protagonistin in „Unser Haus mit Rutsche“ von Safia Al Bagdadi, ist pleite und einsam. Sie leidet an einem Händewaschzwang. Sie hat ihre Eltern verloren, ohne dass diese gestorben wären. Und sie sehnt sich nach einer harmonischen Familie.
Wie sie in diese missliche Lage kam, erzählt sie in Rückblenden auf eine Kindheit und Jugend, die von Anfang an nie nur idyllisch war. Zwar reist der Vater, Iraker und Geschäftsmann, immer mal wieder und mit viel Phantasie mit ihr und ihrem Bruder zum Mittelpunkt der Erde und stellt dabei die Wohnung auf den Kopf, doch meistens ist er gar nicht da. Er hangelt sich von Geschäftsidee zu Geschäftsidee und verspricht Layla ein Haus mit Rutsche in den Tigris. Die Mutter stammt aus einer noblen französischen Familie, die den Vater verachtet. Sie ist immer geschminkt wie für die Oper und duftet nach Chanel No 5. Für Layla ist sie emotional abwesend. Maman war einfach nicht zu gewinnen, heißt es einmal im Buch.
Das Familienleben wird in den kurzen Skizzen eindrücklich und bewegend geschildert. Layla, die Ich-Erzählerin, versteht es, den Alltag zum Leben zu erwecken. Mit viel Witz und Sinn für Komik werden die Figuren lebendig. Und immer wieder scheint die Not des Kindes, der Heranwachsenden auf. Die Risse zwischen den Welten des irakischen Vaters und der französischen Mutter sind zunächst fast unsichtbar. Wir können ihnen beim Wachsen zusehen. Und wir fühlen die Verlorenheit der Tochter, die im andauernden Dazwischen ein feinfühliges Sensorium für ihre Umwelt entwickelt hat; mitreißend, wie sie über das Geklimper der Armbänder die seelische Verfassung der Mutter immer im Blick hat.
Safia Al Bagdadi, geboren 1979 in Saarbrücken, hat einige Jahre in München verbracht und lebt heute in Paris. Ihr eigenes Leben scheint vieles mit dem Leben ihrer Protagonistin im Buch gemeinsam zu haben. Ihr ist es gelungen, die Entwicklung einer Familie zu zeichnen, die es mit einer nicht eben geringen Anzahl an inneren Widersprüchen und äußeren Zerreißproben zu tun hat. Layla, das liest sich in jeder Zeile, wünscht sich nichts sehnlicher als mehr Nähe und zugleich mehr Distanz. Wir fühlen mit ihr.
Safia Al Bagdadi: Unser Haus mit Rutsche
Roman, 320 Seiten, Hardcover
Hanser Verlag, München 2026
24 Euro
