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Von Katrin Diehl

Eine junge Frau sitzt in der S-Bahn, den Kopf leicht gegen die Scheibe gelehnt. Es geht Richtung Ostbahnhof. Die junge Frau liest, ist versunken in dieser anderen Welt. Nicht ganz. Nicht ihr ganzer Körper jedenfalls. Die Beine wissen, was zu tun ist. An der nächsten Haltestelle steigt die junge Frau aus, die Augen fest fixiert an den Textzeilen. Das Buch liegt in der offenen Hand, der Daumen wendet die Seite, links oben geht es weiter. Dann ist die junge Frau verschwunden.

Das Buch, von dem sie nicht lassen kann, heißt „Kürk Mantolu Madonna“. Der Titel zeigt sich auf dem Cover gut sichtbar auf ein schwarzes Rechteck gesetzt, umrahmt von einer tiefblauen Fläche, auf der geschwungene Linien ineinandergreifen. Frauengesichter, reduziert auf ihre Konturen. „Kürk Mantolu Madonna“ heißt ins Deutsche übersetzt „Die Madonna im Pelzmantel“. Das Buch des Autors Sabahattin Ali (geboren 1907 in Eğridere) gilt als Klassiker der türkischen Literatur. 1940 war die Liebesgeschichte als Fortsetzungsroman in einer türkischen Zeitung erschienen. Alle liebten sie, vergossen Tränen, 1943 gab es sie endlich als Buch. Auf Deutsch konnte man „Kürk Mantolu Madonna“ erst ab 1973 bekommen. Die Kritik war sehr angetan. Der Autor war bereits 1948 gestorben, ermordet als so unliebsamer wie engagierter Sozialist im atatürkischen Staat. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Von Sabahattin Ali wurden ebenfalls „Der Dämon in uns“ (2007) und „Yusuf“ (2014) ins Deutsche übersetzt.

„Die Madonna im Pelzmantel“ ist ein Großstadtroman, der in den 1920er Jahren zwischen Berlin und Ankara hin und her pendelt (autobiografische Parallelen lassen sich finden). Berlin ist ein Schmelztiegel, Ankara ebenfalls, der türkische Staat ist noch sehr jung. Der Text erzählt von Raif, einem Büroangestellten in Ankara, der sein Umfeld durch seine zurückgezogene, apathische bis phlegmatische Art irritiert. Als Raif sehr krank wird, sieht ab und zu ein junger Arbeitskollege nach ihm. Raif bittet diesen, das schwarze Heftchen, das er Jahre in einer Schublade aufbewahrte, zu verbrennen. Das Heftchen, eine Art Tagebuch Raifs, erzählt von dessen Zeit in Berlin, wo er sich als Student ein paar Monate aufgehalten und sich in einem Museum in das Gemälde „Die Madonna im Pelzmantel“ verguckt hatte. Raif glaubt, er müsse die Malerin des Kunstwerks, Maria Puder, unbedingt kennenlernen. Eine besondere Liebesbeziehung beginnt, endet. Raifs Herz ist auf ewig gebrochen.

„Die Madonna im Pelzmantel“ findet eine Art Fortsetzung in dem Roman „Madonnas letzter Traum“ (2019). Sein Autor Doğan Akhanlı verfolgte darin die Geschichte der deutschen Jüdin und Künstlerin Maria Puder weiter. Der türkische Autor Akhanlı hatte 1991 als politischer Flüchtling sein Land verlassen müssen. 2021 starb er in Berlin.

Sabahattin Ali : Die Madonna im Pelzmantel
Roman
Deutsch von Ute Birgi
272 Seiten, gebundene Ausgabe
Dörlemann Verlag, Zürich
20 Euro

In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés
oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen
von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.