Das diktierte Wort: Karl Wolfskehl
Von Sevda Cakir
Der Dichter, Autor, Übersetzer, Essayist, Journalist und leidenschaftliche Briefschreiber Karl Joseph Wolfskehl (1869-1948) war seiner Herzensstadt München sehr verbunden. Eine Gedenktafel an der Römerstr. 16 in Schwabing erinnert daran. „Hier wohnte von 1909-1921 der Schriftsteller Karl Wolfskehl. Um ihn scharten sich Repräsentanten des Schwabinger Geisteslebens“. Ein Kompliment an den Netzwerker – wie er heute betitelt werden würde –, der zu jener Zeit wichtige Figuren der intellektuell-künstlerischen Szene in Kontakt brachte. Mit seiner Frau Hanna und den gemeinsamen Töchtern Renate und Judith musste er aber auch erleben, wie der Erste Weltkrieg sein geerbtes Vermögen verschlang. Ab 1915 waren die weiblichen Familienmitglieder gezwungen, ein badisches Landgut zu bewirtschaften. Karl Wolfskehl selbst verrichtete seine Tätigkeiten im Ausland.
Karl Wolfskehl veranstaltete Zusammenkünfte verschiedenster Art: Er hatte Anteil am Faschingtreiben, an universitären Veranstaltungen, am Aufbau einer zionistischen Ortsgruppe und an Aufführungen von Maskenspielen. Seinen kosmischen Séancen-Kreis zur tieferen Identitätsfindung musste er 1904 auflösen, da er bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den stark aufkommenden Antisemitismus zu spüren bekam.
1869 in Darmstadt geboren, studierte er Ältere Deutsche Philologie, Religionsgeschichte und Archäologie, promovierte mit einer Arbeit über „Germanische Werbungssagen“ und kam 1893 nach München. Hier blieb er mit Reiseunterbrechungen 40 Jahre lang, bis er 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Karl Wolfskehl kam nicht mehr zurück nach Deutschland, er starb 1946 in Neuseeland. In den Jahren der Emigration hielt er durch Briefe den Kontakt zu jenen, die ihm wichtig waren, anderen zeigte er seine Verletztheit, wenn sie vom Faschismus profitiert oder zur NS-Politik geschwiegen hatten. Bei diesem umfassenden Exilwerk half ihm seine Lebensgefährtin Margot Rubens, die er 1934 in Florenz kennengelernt hatte.
Bekannt ist sein Gedichtzyklus „Die Stimme spricht“ (1934), die er zu Beginn seiner Flucht angefangen hatte. Das darin verhandelte Bemühen, seine aufgedrängte jüdische Identität mit dem Selbstverständnis als deutscher Dichter zu verbinden, beschäftigte ihn bis zu seinem Tod. Weitere Werke, die er eingesprochen hatte, wurden in den späteren Folgejahren herausgegeben, wie die Zyklen „Mittelmeer“, „INRI“, „Hiob“ und „An die Deutschen“. Wegen einer Fast-Erblindung diktierte Karl Wolfskehl seine Werke. Zeilen, die er zugeschickt bekam, ließ er sich vorlesen. Durch den mündlichen Ausdruck konnte er seine Gedankenfreiheit mehr ausleben und die Variation der Methoden zur Gestaltung nach Belieben einsetzen.
Bisher in der Reihe erschienen: Gedenktafel für Franziska zu Reventlow an der Leopoldstraße 41, für B. Traven an der Clemensstraße 84, für Gottfried Keller an der Neuhauser Straße 35, für Annette Kolb in der Händelstraße 1, für Schalom Ben-Chorin an der Zweibrückenstraße 8, für Carla-Maria Heim am Johannisplatz 10, für Heinrich Heine in der Hackenstraße 7, für Jella Lepman am Eingang zum Schloss Blutenburg, für Ruth Schaumann in der Kaulbachstraße 62a, für Eduard von Keyserling in der Ainmillerstraße und für Hans Carossa in der Theresienstraße 46
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Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden – Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen.
Paperback. 232 Seiten, Allitera Verlag, München 2024, 19,90 Euro