[LiSe 03/17] Rezension: Campus-Roman und Kapitalismus-Kritik

Lüschers erster Roman „Kraft“

Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, reist ins Silicon Valley, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. In einem 18minütigen Vortrag soll begründet werden, warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können. Ausgedacht hat sich die Preisfrage, in Anlehnung an Leibniz’ Essay zur Theodizee, der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner und für die beste Antwort eine Million Dollar ausgelobt. Dies die Ausgangssituation, die Jonas Lüscher in seinem ersten Roman entworfen hat, und eigentlich sollte die Bewältigung der Aufgabe niemandem so leicht von der Hand gehen wie Kraft, einem als brillant ausgewiesenen Denker und Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens. (mehr …)

[LiSe 02/17] Worte verlieren, Anerkennung gewinnen

Vom Lyrik- bis zum Geschwister-Scholl-Preis – zu Besuch bei drei Preisverleihungen

Die Endrunde des lyrikpreises münchen ist eine intime und noch wenig bekannte Veranstaltung. Liebhaber der Szene und moralische Unterstützer für die sechs Kandidat-Innen der Endrunde bilden die Fangemeinde. Knapp 50 Plätze bietet der kleine Saal im alten Giesinger Bahnhof und dazu das schnörkellose Ambiente eines modernen, zweckmäßigen Versammlungsraums. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Das Bier der benachbarten Bahnhofsgaststätte nimmt man mit hinüber. Nüchtern die Dramaturgie der Bühne, beinahe wie bei Gericht. Auf der einen Seite der Bühne die drei professionellen Preisrichter an einem Tisch, ihnen gegenüber auf der anderen Seite Tisch und Stuhl für die Lyrik. Der Wettstreit beginnt. (mehr …)

[LiSe 02/17] Preise für Literatur

Das Spektrum der Literaturpreise in München ist breit (siehe auch S. 1). Im Großen wie im Kleinen erfolgt Förderung durch verschiedene Partner: die Stadt, das Kultusministerium, Stiftungen und Privatpersonen. Hier eine Auswahl der wichtigsten Münchner Literaturpreise und -stipendien:

Geschwister-Scholl-Preis

  • Werk zeigt geistige Unabhängigkeit, Autor exponiert sich mit Werk und fördert literarischen und intellektuellen Mut
  • keine Eigenbewerbung
  • dotiert mit EUR 10.000,-

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[LiSe 02/17] Kolumne: Schnee & Eros

Als sich am 2. Januar der erste Schnee über die Stadt legte, wussten wir nicht, wird das jetzt plötzlich Sibirien hier, bleibt das so bei minus 17 bis minus 20 Grad bei Nacht, dieses Tief „Alex“, und der Schnee, legt der Himmel da noch was drauf, fällt er weiter oder war’s das schon? Sofort kommt uns Potaschnikow in den Sinn, der den Frost auch ohne Thermometer bestimmen konnte: Bei Frostnebel hat es 40 minus, wenn die Luft mit einem Geräusch ausfährt, sind es 45, und wenn noch Kurzatmigkeit dazukommt minus 50. Wenn es noch kälter ist, gefriert die Spucke in der Luft. Und wenn es dann wieder auf 40 oder gar minus 30 Grad zurückgeht, dann ist es für zwei Tage richtig warm, wusste Potaschnikow. Und so ist es auch bei uns gekommen: 0 Grad – wunderbar warm! (mehr …)

[LiSe 02/17] Münchens literarische Orte (Folge 8)

Bücher als Kulturvermittler
Die Tolstoi-Bibliothek

Sie liegt versteckt, und man muss suchen, um ihren Namen auf dem Schilderwald im Eingangsbereich der Thierschstr. 11 zu finden. Zur Straße macht sich die Front des Klavierhauses Fischer breit, darüber im 2. Stock hat sie ihre Räume, die Tolstoi-Bibliothek, die größte mit russischer Literatur außerhalb Russlands. Hier stehen auf 220 Quadratmetern russischsprachigen und an russischer Kultur interessierten Mitbürgern mehr als 46.000 Bücher als Präsenzbestand oder zur Ausleihe zur Verfügung, über alle Nationalitäten und Konfessionen hinweg. „Wir sind für die Menschen da, schauen uns weder an, woher sie kommen, noch, was ihr Glaube ist“, sagt Geschäftsführerin Tatjana Erschow. Diese Neutralität hat die Bibliothek seit ihrer Gründung durch alle Fährnisse geführt und den Münchnern das einzige gewachsene russische Kulturzentrum dieser Größenordnung über die Grenzen Deutschlands hinaus beschert. (mehr …)

[LiSe 02/17] Lyrische Kostprobe: Wintertag

Der Tag beginnt.
Die Bäume atmen still.
Die Wolken achten auf ein Zeichen und
die Sonne legt sich
in den frischen Schnee und
wälzt sich mit den Hunden, ungesehen
kommt das Glück vorbei

Still atmen Wolken; Bäume
warten auf ein Zeichen und
marschieren plötzlich los
über die Berge an das Meer
und ahnen dort und schauen
nach den Fischen, nach den Muscheln
nach dem wahren Kick

Wolfram Hirche

[LiSe 02/17] Literaturförderung: Stipendien für Literatur

Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München vergibt 2017 wieder – wie alle zwei Jahre – sechs Stipendien für AutorInnen sowie ÜbersetzerInnen in Höhe von jeweils 6.000 Euro. Zusätzlich wird der Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur vergeben (ca. 3.000 Euro). Voraussetzungen für die Bewerbung sind, dass die AutorInnen und ÜbersetzerInnen in München (S-Bahn-Bereich) leben und dass die eingereichten Texte noch unveröffentlicht sind (bis zum Ende des Ausschreibungsjahres). Es können nur deutschsprachige Texte eingereicht werden. (mehr …)

[LiSe 02/17] Kurzgeschichte: Niklas

Ich schaue extra nicht zu der Kiste mit den Schokoladentafeln. Aber ich sehe sie trotzdem. MILKA.
„Schau, was ich dir zusammengepackt habe!“, flüstert Helga und gibt mir die Tüte. Früher habe ich gedacht, sie hat einen Sprechfehler, aber Pap hat gesagt, es ist wegen der Schweiz, dass sie so komisch redet.
„Ist dein Papa noch immer krank?“
Es nervt, dass sie immer fragt. Ich würde selber viel lieber wieder mit Pap zusammen kommen. Es würde mir dann auch gar nichts ausmachen, wenn wir erst später mit den anderen rein dürften und wieder weniger kriegen würden. Gleich fragt sie, was Pap hat, und ich kann es ihr wieder nicht sagen, weil Pap immer nur da liegt und sagt: „Nix. Wird schon wieder.“
„Was hat er denn eigentlich genau, dein Papa?“
Vielleicht komme ich nächstes Mal lieber später und stelle mich in die Schlange. Helga schaut mich an, als ob sie mehr wissen würde als Pap und ich, aber das stimmt nicht. Vielleicht komme ich auch gar nicht mehr. Eier können wir uns selber kaufen, Mehl und Öl haben wir noch genug. Ich kann uns jeden Tag Pfannkuchen machen. Ich mag Pfannkuchen auch ohne Apfelmus. Ich schaue extra auf die Milka-Tafeln. (mehr …)