[LiSe 10/18] Kurzgeschichte: Mutter

Von Rudolf Freiberger

Wo bin ich? Wo ist sie?“ Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, mit der Faust. „Aaaahhhch!“ quoll der erstickende Schrei aus ihm heraus, wie in dem ewig wiederkehrenden Traum ihm sämtliche Zähne aus dem Mund quollen – Hunderte von Zähnen, immer mehr herausfallende Zähne, bis er mit der Angst zu ersticken qualvoll wach wurde. „Mutter! Wo bist du?“ schrie es aus ihm. Die Nachbarn! Es ist mir scheißegal was die Vollidioten denken, in diesem verfluchten Wohnloch in Neuhausen. Ja, ich bin in Tot-Neuhausen, exiliert, fern dem einzigen Menschen, der mir auf dieser Welt geblieben ist. Und jeden Morgen dieselbe Angst! „Ich halte das nicht mehr aus!“ schrie er die dünnen Wände an. „Mutter! Lebst du noch?“ Nein – ich rufe jetzt nicht bei ihr im Saarland an – halb sechs Uhr früh – sie schläft noch. Und warum soll sie plötzlich nicht mehr leben? „Du Volldepp“ schrie er sich an. „Warum kannst du deine alte Mutter nicht einfach sterben lassen? In Frieden gehen lassen? So wie andere Leute auch.“ – Halb sechs – ich stehe auf und fahre sofort zu ihr. 460 Kilometer – in vier Stunden bin ich da. (mehr …)

[LiSe 10/18] Rezension: Das Glück in glücklosen Zeiten

Das Glück in glücklosen Zeiten
Die geheime Liebesgeschichte meiner Eltern

Von Katrina Behrend Lesch

Es liegt immer an der Zeit, die vergehen muss, damit lang gehütete Familiengeheimnisse endlich gelüftet werden können. Dass da etwas ist, über das die Eltern nicht sprechen wollen, ahnen die Kinder, aber sie schweigen ebenfalls. Auch Halldis Engelhardt findet erst nach dem Tod ihrer Mutter den Mut, Nachforschungen zu betreiben. In ihrem Buch „Sieh dich nicht um!“ schreibt sie: „Es war spannend und bedrückend zugleich, denn es ergaben sich immer neue Fragen – Fragen, die nicht nur meine Eltern betrafen, sondern auch mich. Es erschien mir immer sonderbarer, dass ich dieses Spiel meiner Eltern mitgespielt hatte.“  (mehr …)

[LiSe 10/18] Rezension: Vermeintliches Idyll

Vermeintliches Idyll
Katja Hubers neuer Roman „Unterm Nussbaum“

Von Stefanie Bürgers

Die Großfamilie im weitläufigen Garten an einer langen, schön gedeckten Tafel. Ein vermeintliches Idyll, mit dem Katja Huber in ihrem neuen Roman „Unterm Nussbaum“ die Leser*innen eingangs hinters Licht führt. Anlass für das Familientreffen ist der Siebzigste von Barbara. Sie hat vier Kinder, die nur losen Kontakt pflegen. Die älteste Tochter Mirjam beschließt, den Geburtstag ihrer Mutter mit allen Geschwistern und deren Familien in jenem Haus am Ammersee zu feiern, in dem Barbara aufgewachsen ist. Doch dieses Haus birgt schmerzliche Erinnerungen. Spannungen sind also vorprogrammiert, entladen sich in Dialogen mit Wortwitz und Esprit. (mehr …)

[LiSe 09/18] Das Wohnzimmer als Bühne

Das Salonfestival holt Literaten, Musiker und kluge Köpfe zurück in den privaten Raum.

Von Katrina Behrend Lesch

Das Hotel Bader in Parsdorf, inmitten eines Industriegebietes, nicht gerade ein Ort, wo man Kultur sucht. Doch alles ist möglich. Die Besitzerin Monika Hobmeier meidet die Konfrontation mit der Hässlichkeit ringsum nicht, Understatement mit skandinavischem Design, Ausstellungen und nun zum zweiten Mal Gastgeberin des Salonfestivals. Zwei junge Sängerinnen treten auf, Cosma Joy und lilly among clouds, fantasievoll die Namen, eigenwüchsig der musikalische Vortrag. Danach Häppchen auf der Terrasse, die Scheu miteinander zu sprechen überwunden. Das Konzept „salonfestival“ scheint aufzugehen, Menschen dafür zu begeistern, in ihren privaten oder öffentlichen Räumen Künstlern und Wissenschaftlern eine Bühne zu bieten, Gäste zum Zuhören einzuladen und so ein persönliches Umfeld für Begegnungen und Gespräche zu schaffen.  (mehr …)

[LiSe 09/18] Kolumne: Sommerschlußverkauf

Wenn Romane mit dem Wetter beginnen, kann sich die Sache etwas hinziehen. Knapp 1.600 Seiten (je nach Ausgabe) folgen der Feststellung: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum“ – Beginn des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen dritter Band vor 75 Jahren postum erschienen ist und unvollendet blieb. Robert Edler von Musil, wie sich der Autor hätte nennen dürfen, war ein Jahr vorher gestorben. Ganz arglos schildert er einen „schönen Augusttag des Jahres 1913“, um sich dann den vermeintlich wesentlichen Themen des Lebens zuzuwenden, und natürlich hat auch der tiefsinnige Plauderer Herbert Rosendorfer 80 Jahre später noch nichts von dem heutigen Heißzeit-Ernst ahnen mögen, als er seine kleine Story von der „Erfindung des SommerWinters“ schrieb. Nur einige zu warme Winter in den 90ern wurden von dem südtiroler Münchner moniert, ansonsten ist Wetter kein literarisches Thema, noch, kann man sagen, nirgendwo.  (mehr …)

[LiSe 09/18] Ausstellung: Lesen in Kochel

Noch bis zum 23. September zeigt das Franz-Marc-Museum in Kochel die Ausstellung „Lektüre – Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder“. Zu sehen sind unter anderem Exponate von Pablo Picasso, Paul Klee, Cy Twombly und Jean Dubuffet. Die Geschichte des Lesens ist so alt wie die Geschichte der Schrift, und so reichen auch die Darstellungen von Lesenden in der bildenden Kunst bis in die Antike. In der europäischen Malerei, Buchmalerei und Skulptur ist die Lektüre zunächst im biblischen Kontext verankert und auf religiöse Texte gerichtet. In den Niederlanden, die seit ihrem Aufstieg zur maritimen Handelsmacht zunehmend von bürgerlichen Werten geprägt wurden, entstanden im Laufe des 17. Jahrhunderts die ersten Bilder „privaten” Lesens. Diese, sich durch die Lektüre konstituierende Privatheit und Intimität bestimmt die Atmosphäre der Bilder von Lesenden, die seit dem 18.Jahrhundert in der europäischen Malerei zum wichtigen Motiv werden. Schwerpunkt der Ausstellung sind allerdings Werke aus dem 20. Jahrhundert.    red

Die Öffnungszeiten: 10 bis 18 Uhr info@franz-marc-museum.de, www.franz-marc-museum.de).

[LiSe 09/18] Lyrische Kostprobe

Afrotilaki 

Das also ist meine Erinnerung:
Ein riesiger, überhängender Fels,
mit feinen, fotogenen Rissen und Linien,
dunkel, wie meine Furcht,
mich zu täuschen. Noch immer
am Ufer Steine wie geschorene
Riesenköpfe – gefürchteter Traum –
Und Tamarisken, jetzt völlig vertrocknet
tot. Daran hätte ich
denken sollen: Kein Schwimmen
möglich, die Windstille,
der immerblasse
Himmel, der auf dem
ächzenden Meer lastet, Du
gelb-tote Sonne versteckst Dich,
Du Ich. Verschlossen
die nutzlose Kirche.
Wie soll ich hier mir selber begegnen?

Deutlich zerfallener ist
das einzige Haus: jetzt
ohne Dach und Tür
Ein weißer Tisch steht
unter vergessenen Olivenbäumen,
darauf: Nichts.
Aber das Schilf, das Schilf:
Pfeile vom Himmel in die Erde geschossen.
Alles mich ständig verunsichernde
Zeichen. Zum Beispiel
die Wasseruhren am Wasserverteiler:
wie mein Herz und mein Hirn
stehen sie still.
Verdammte Symbolik, also –
jetzt noch einmal und endlich:
Abhauen von hier!

Ulrich Schäfer-Newiger

[LiSe 09/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 10)

Ein Gruß aus New York
Das Kunstmal für Oskar-Maria Graf von Jenny Holzer

Von Ina Kuegler

Der Earl Grey dampft in der Tasse, der Tee rinnt die Kehle hinunter, der Blick fällt auf die Untertasse. „Mehr Sexualität, die Herrschaften“ steht dort. Es ist nur einer von vielen Sprüchen in der Brasserie des Literaturhauses. Da heißt es etwa auf dem Papier-Set unter dem Suppenteller: „Ich habe wirklich eine große Angst vor der Zukunft, dass ich der ‚Berühmtheit‘ entgegenstrebe.“ Und an der Rückenlehne der Sitzbank steht eingraviert ins braune Leder: „Die aufgestapelte Erinnerung an Gehörtes, Gelesenes, Selbsterlebtes.“ Es sind Zitate von Oskar Maria Graf (1894 bis 1967), dem die New Yorker Künstlerin Jenny Holzer 1997 im und vor dem Literaturhaus ein Denkmal gesetzt hat. (mehr …)