by LiSe | 28. Nov. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
Uwe-Michael Gutzschhahn ist – was Sprache anbelangt – breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist und in Bochum Germanistik und Anglistik studiert hat, ist als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … vielseitig beschäftigt.
Den LiteraturSeiten hat er u. a. folgendes Gedicht zum Abdruck überlassen. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
DAS WARTEN
der Harfenistin auf ihren Einsatz im Adagio,
der Dorfbewohner auf den Tsunami,
der Elfjährigen auf den ersten Kuß,
des flüchtigen Diktators auf die allerletzte Maschine,
des Hungerkünstlers auf sein Frühstück,
der Lottospieler auf das Fallen der weißen Kugel,
des Vielbeschäftigten auf die erlösende Langeweile,
des Häftlings auf den Genickschuß,
des frommen Juden auf den Messias …
Hans Magnus Enzensberger
Textauszug aus Hans Magnus Enzensberger: Wirrwarr – Gedichte. © Suhrkamp Verlag Berlin 2020.
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
Der Kreis in der Krise
oder das exzentrische Trägheitsmoment
In der Vergangenheit angekommen,
hab ich eine Flamme gesehn;
zwischen ihr und dem Meer
trag ich mit der Hand aufm Herz
Gefahrenwerte aus:
Ich hab die Zeit gestört;
in verschiednen Löchern bilden sich
Almkräuter oder Amokläufer. Jeoaoue,
der Elefant, der auf dem Rücken
liegt, gibt mir die Schuld dafür.
Im Unglück falschen Strömungsverhaltens
ists mir kalt um die Knochen
und ich zerbrösle am Schaltgriff:
was sich regnet
soll mich treffen.
Wolfgang Berends
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
oder
etwas als solches oder sozusagen geschenkt
ein wort mit vier buchstaben zum beispiel
oder eine spontanfrequenz, schmerzfrei sogar
oder ausrangiert als ganzes wenn nicht
in effigie dann extra commercium vielleicht
ein krokodilschluß oder eine krankheit der natur
– eine disjunktionsschaltung im volksmund nur
etwas als solches oder doch vielmehr nichts
als dasselbe noch einmal zur abwechslung ein er
ohne oder eine sie mit, vielleicht eine neue
gattung auf abruf oder ein böses erwachen im netz
als Kuckucksei zum beispiel oder als funke
für den kalten rest – was macht den unterschied,
die sache selbst?
Daniele Dell’Agli
umtausch ausgeschlossen
wenn es den konjunktiv nicht gäbe,
wäre alles wie immer: die erste liebe
ein drama, blutgruppe unbekannt,
gerechtigkeit selten.
das problem mit dem konjunktiv: man weiß nie
ob er hält, was er verspricht: kühlaggregat,
abstandssensor, schwingungsfilter, was
hat man ihm nicht schon angedichtet.
dabei kann man im konjunktiv nicht mal
durchschlafen, geschweige denn zimmer
verdunkeln. und wozu auch? ohne ihn
geht es alles schneller. das erwachsenwerden,
die beziehungsflucht, der katzenjammer.
dafür muß man im konjunktiv alles
alleine machen. schwimmen lernen,
bilanzen fälschen, geburtstag vergessen.
früher, ja, da gab es noch kurschatten
für heiße wangen, schaltsignale
für gute ratschläge, schwingtüren
für beifall von der falschen seite.
heute heißt es wunden lecken, rückwärts
vor dem einschlafen die telomeren zählen.
hinter lichten vorhängen, mit gereizten
konjunktiven, das steht fest, wächst es
sich nicht mehr raus, sondern rein
ins Gedächtnis: erste liebe kein drama,
blutgruppe selten, gerechtigkeit unbekannt.
Daniele Dell’Agli
Erleuchtung des instrumentalisierten Himmels
Ein Baum das Land, und die Rosen
blühn aus alter Kraft.
Das facettenreiche Auge
wandelt im Abglanz: Der Baum
beschattet seine Kinder, hat
mit schwankender lastender Frau
einen langen Weg beschritten.
Der spöttische Untergang
wird immer ein Zimmer finden.
Wir werden beim Rauch stehn,
mit Zeit und Ziel und Zahl.
Wolfgang Berends
M e t a p h y s i s c h e s
Vermutlich der Oberteufel mit
seinen zielgenauen Augen und
dem großkalibrigen Gewehr
hat unsere Welt in Stücke geschossen.
Wälder, weggerissene Berge, Teile
von Städten fliegen umher,
durcheinander grün, grau, gelb, rot,
Gewissheiten, Wahrheiten, Schönheiten,
Freundschaften, Feindschaften, Hiobsbotschaften,
Verantwortungsgefühl, Mitgefühl, überhaupt Gefühl,
kopfüber, kopfunter und Querschläger.
Sogar den Teufelskindern wird es bang:
Vater, dauert das noch lang?
Wenn so ein Trumm die Hölle trifft,
da nehmen wir doch lieber Gift!
Beruhigt euch, Kinder, in kurzer Zeit,
so etwa in hundert Jahren,
zeigen die Menschen ein bessres Gebaren,
fügen die Stücke zu neuer Einheit,
ordnen die Welt, wie’s allen gefällt.
Dann habt ihr gelernt, wie man’s ihnen
wieder vergällt.
Hans Buchner
R ä t s e l h a f t ?
Wir halten eine kleine Qualle
in der Hand. Ihre Fäden treiben
weit über die Welt und
saugen ein, was sie erreichen können,
Nebensächliches, Nützliches, Wichtiges
und Unsinn. Auf seinem Schirm
zeigt das Glibbertier alles,
was wir bestellen und schießt
als Zugabe das klebrige Nesselgift
in das Gehirn des Betrachters. Wer
kleben bleibt, zappelt wie die
Maus im Rachen der Katze.
Hans Buchner
by LiSe | 28. Feb. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
Livegräten mit leucht-enden strecken sich über die köpfe anderer
und tribünen zählen bis zu 4 weiße zwerge auf roten riesen
deren nummern und namen auf vielen rücken hochgehalten werden
zeigen an wer sich dort verspekuliert hat und wer noch gerade sitzt
Ein Lewandowski liest dann an der rückseite der fankurve
seine erhaltenen likes und die geraten durch ihn selbst in (un)gute relation
zu seiner torquote in diesem jahr vergleicht er sich im graphenwald
der topligen mit deren überfliegern anderen schattenwerfenden nazgul
Aus einem haufen scorerpunkte bei soundsovielen spielminuten zu den
ergebnissen mehrerer wahlen zum spieler des tages schaut auch
meine formkurve wie ein regenwurm hervor mit
mit- und gegenspielern befinde ich mich im auto auf auswärtsfahrt
lauter leiser radiowellen tinitus-tor-tinitus in den unteren ligen muss man
sich zu leiberln der einzelnen teams die 1 2 3 oder 4 sterne dazu denken
Dagegen die saison als zeit des vor-sich-hin-grasens und des
den-auswärtsspielen-sich-in-stille-näherns ohne eine ahnung
auf wen man trifft und wo dessen platz liegt
Es sitzt am straßenrand länger als zwei dreiviertel stunden
an leuchtpflöcke geschmiegter wolliger phantomschmerz
Jonas Bokelmann