[LiSe 07/18] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Buchhandlung „CoLibris“ in Neuhausen empfiehlt diese beiden Romane, die im Sommer ganz druckfrisch erscheinen.

Michael Ondaatje: Kriegslicht

Hanser Verlag

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird der 14jährige Nathaniel zusammen mit seiner älteren Schwester Rachel von Mutter und Vater in London zurückgelassen. Die Kinder befinden sich von nun an in der Obhut des mysteriösen „Falters“, den sie für einen Schmuggler und Ganoven halten. Als mehr und mehr klar wird, dass dieser sich mit
seinen exzentrischen Freunden fürsorglich um die Kinder kümmert, schwindet das Misstrauen. Nach langer Zeit kehrt die Mutter zurück, schweigt jedoch über die Jahre ihrer Abwesenheit. Erst als Erwachsener, lange Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Mutter, verfolgt Nathaniel ihre Spuren und gewinnt Einblick in das Leben einer Spionin im Kalten Krieg.

Sehr lesenswert.

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Hanser Verlag

Riva ist eine gefeierte und bewunderte Hochhausspringerin. Als sie sich eines Tages weigert, weiter zu trainieren, wird eine andere junge Frau, Hitomi, damit beauftragt, Riva wieder gefügig zu machen. Scheitert sie, droht ihr eine Verbannung in die Peripherien der Stadt, wo die Menschen in Armut und Schmutz leben, ohne eine Chance auf Arbeit, Gesundheit und Wohlstand. Geschildert wird eine Gesellschaft, in der Anpassung begehrenswert und Transparenz des Einzelnen total ist.

Beklemmend und packend.

Buchhandlung CoLibris,
Leonrodstraße 19, 80634 München

[LiSe 07/18] Kurzgeschichte: Sirenenbotanik

Von Isa Bellini

Ob sein Nachname ein Pseudonym sei – er hieß Friedhelm Triebhafer –  oder ob ihn dieser Name zum Studium der Botanik angeregt hätte, wurde er während seiner 30jährigen Dienstzeit im Botanischen Institut Unterwiesenfeld immer wieder gefragt, was er jedoch aufs heftigste zu verneinen wusste, da er es genau erinnerte, dass es seine Mutter gewesen war, die ihm zum Studium der Pflanzen geraten hatte. Sie wolle nicht, dass seine edlen Hände, den Medizinern gleich, „im Fleische wühlten“. So dankte er ihr den Beruf des Sachkundigen für Gräser an extremen Trockenstandorten, genauer gesagt, des Steppen- und Wüstenbotanikers, weswegen seine Kennt-nisse für seine voralpenländische Wirkungsstätte eher weniger von Belang waren. Umso mehr konnte er sich ganz und gar seinen Gräsern hingeben. Nichts störte seine hingebungsvolle Leidenschaft für diese zartgliedrigen, zerbrechlichen Wesen, bis eines gewöhnlichen Morgens Unerwartetes in sein Leben trat – eine Sekretärin – genauer gesagt, die seines Kollegen. (mehr …)

[LiSe 07/18] Rezension: Frau folgt auf Frau

Hans Boeters Erstlingswerk über Erich Maria Remarque

Von Stefanie Bürgers

Mit Frauen? Mit Frauen tat ich mir immer leicht!“ – so Remarque noch als 50jähriger. Hans Boeters Erstlingswerk „Krieg und Liebe, Erich Maria Remarque und die Frauen“ zeichnet ein anderes Bild. Als lästiges Anhängsel der Mutter erlebt Remark die Kindheit. Die Liebe der Mutter ist verbraucht vom todkranken älteren Bruder und der nachgeborenen Schwester. Im Ersten Weltkrieg knapp dem Tod entkommen, erfindet er sich neu. Erich Paul Remark heißt fortan Erich Maria Remarque. Sein Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ führt im Nationalsozialismus zur Ausbürgerung, zum Verlust der Heimat.  (mehr …)

[LiSe 07/18] Lyrik-Rezension: Herbstliche Stimmung

„Einmal einfach“ –  der neue Gedichtband von Michael Krüger

Von Hans-Karl Fischer

In den Besprechungen des Gedichtbandes „Einmal einfach“ von Michael Krüger werden Aspekte zum vielschichtigen Autor herausgegriffen; einer dieser Aspekte ist, dass die Altersgedichte auf einer Stufe mit Goethes Gelegenheitsgedichten stehen und als „großes Buch des Trostes“ für das Eingehen in die Literaturgeschichte vorgesehen sind. Schon wegen seiner Länge von 136 Seiten hätte dieses Buch jedoch zuerst einmal eine Eingrenzung verdient. Denn wenn es sich auch um Gedichte handelt, die das Alter zum Thema haben, so ist damit nicht das Alter an sich gemeint, sondern das reisefähige, rüstige Alter. (mehr …)

[LiSe 06/18] Zehn Umzugskisten voller Romane

Der Friedrich-Glauser-Preis 2018 geht an Jutta Profijt /
Aus der Arbeit eines Jury-Mitglieds

Von Antonie Magen

5. Mai 2018: Das neue Theater in Halle ist gut gefüllt. Ca. 500 Gäste haben sich zur Criminale 2018 versammelt, um der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises beizuwohnen. Er erinnert an den Schweizer Autor, der mit der Figur des Wachtmeisters Studer einen der ersten Serienhelden der deutschsprachigen Kriminalliteratur schuf. – Neben dem Deutschen Krimipreis ist der „Glauser“ der wohl wichtigste Preis für Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum. Vielleicht ist er sogar etwas begehrter, denn er wird vom „Syndikat“ vergeben, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und ist damit ein Preis von Autoren für Autoren. Im Gegensatz zum Deutschen Krimipreis ist er außerdem dotiert. – Kein Wunder, dass die Nominierten ein bisschen nervös auf den Ausgang des Abends warten. (mehr …)

[LiSe 06/18] Kolumne: Gefährliche Gedichte

Marx, welchen meinen Sie? Also, wir haben Marx R. im Angebot, den Münchner Kardinal, der sich geschickt durch Talkshows schlängelt in dieser Kruzifixsache und anderen lebenswichtigen Dingen, und Marx K., den Ökonomen, der für alles eine Lösung hat. Aber Marx K., den Lyriker? Und dies ist schließlich ein Literaturblatt! Hier bitte: „Nimmer kann ich ruhig treiben,/Was die Seele stark erfaßt,/Nimmer still behaglich bleiben,/Und ich stürme ohne Rast.“ Romantische Schule, um 1837. Dem Engländer Stedman Jones haben wir’s zu danken, dass er in seiner aktuellen Karl Marx-Biographie diese vergessene Poesie ausgegraben hat. Von wegen „stürme ohne Rast“. Vater Heinrich Marx, ein gestrenger Rechtsanwalt, dem Karl seine Gedichte geschickt hatte, war schwer beunruhigt. Er drang auf eine juristische Staats-Karriere, mochte die Lyrik seines Filius nicht sonderlich und starb, noch ehe „Karl“, wie Jones ihn familiär nennt, beruflich Fuß fasste. Was ihm sowieso nie gelang. (Übrigens auch bei R. Marx könnte man fragen: Ist Kardinal ein ernsthafter Beruf? Aber lassen wir das.) Eine Journalistenkarriere, ein Staatsamt, auch eine Philosophische Professur – alles scheiterte am strengen Berufsverbot der Karlsbader Beschlüsse (1819). Zensur, Ausweisung und Exil. 1841 wurden noch Karls Gedichte „Wilde Lieder“ publiziert, danach ging nichts mehr.  (mehr …)

[LiSe 06/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 8)

Die Unangepasste
Franziska zu Reventlow und München

Von Katrina Behrend Lesch

„… frei bin ich, frei bin ich, frei – frei!“ Viele solcher „Aufschreie“ notierte Franziska zu Reventlow in ihren Tagebüchern, wie um sich selbst zu bestätigen, was für sie im Leben allein zählte. Einem Freund schrieb die Neunzehnjährige „ … es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit …“ Hineingeboren in ein adliges Milieu und in die restriktive Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs, dessen Dauer ihren eigenen Lebensdaten entspricht – 1871 bis 1918 – rebellierte Franziska, die eigentlich Fanny hieß, zeit ihres Lebens gegen deren Regeln und Konventionen. Ob sich München, ihr langjähriger Lebensmittelpunkt, wegen dieser so leidenschaftlich eingeforderten Freizügigkeit mit ihrem Andenken schwer tut mag dahin gestellt sein. Eine einzige Bronzetafel erinnert an sie, fast unsichtbar seitlich an dem Gebäude Leopoldstr. 41 angebracht, das die typische Fassade einer heutigen Großstadtmeile aufweist: Ein Supermarkt, ein Klamottenladen. In diesem Haus über dem Café Noris von einst wohnte die Schriftstellerin Franziska von Reventlow *1871 1918 † lautet die lapidare Inschrift. Sie verrät nichts über die Persönlichkeit, die wegen ihres berühmt-berüchtigten Lebensstils in den Schwabinger Künstlerkreisen als „heidnische Madonna“ bezeichnet wurde. (mehr …)