by LiSe | 30. Aug. 2018 | Blog, Kurzgeschichte
Von Slata Roschal
Wir sind im Urlaub. Die Wohnung ist ungemütlich, die Matratzen unbequem, das Bett eng, das Sofa staubig, draußen ist es zu warm und zu windig, und das erste Essen im ersten Restaurant, das wir in der Nähe finden, ist widerlich und unverschämt teuer. Ich kann nicht einschlafen, weine, fühle mich unglücklich und möchte mich in diesem Mittelmeer am liebsten ertränken. Es gibt kein Internet, keine Verbindung zur normalen, nichtmediterranen Welt. Hier wachsen Orangen auf den Bäumen und die Luft riecht süßlich. Allmählich gewöhne ich mich an die Nachbarskinder, die nachmittags im Garten Turnübungen machen und sehr nach Schweiß riechen, an die grell gekleideten, vollbusigen Frauen, an die schwarzhäutigen Verkäufer, die zwischen den Restauranttischen tanzen und mit Schlüsselanhängern und Armbändern klimpern, ich gewöhne mich an das schlechte Englisch der Kellner und meine eigene Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und Schwermut. Ich bin an dieser Küste in einem Vakuum verschlossen, ich kann nicht das machen, was ich sonst immer mache, jeden Tag, jede Bewegung muss gestoppt und nochmals überdacht werden, alle Gegenstände befinden sich an anderen Orten, an denen sie nichts zu suchen haben, und ich selbst bin an einem anderen Ort und es vermisst mich keiner. (mehr …)
by LiSe | 30. Aug. 2018 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Katharina Adler und ihr Roman „Ida“
Von Ina Kuegler
Hysterische Erkrankungen“ – so formuliert es Sigmund Freud im Jahr 1905 – haben „ihre Ursachen in Intimitäten des psychosexuellen Lebens der Kranken.“ Eine dieser Kranken, die bei Freud in Behandlung war, ist weltberühmt geworden: Es war „Dora“ – ein 18jähriges Mädchen, das eigentlich Ida Bauer hieß. Ihr beziehungsweise ihrer Urgroßmutter hat die junge Münchner Schriftstellerin Katharina Adler den Roman „Ida“ gewidmet. Der Roman, ein Stück Zeitgeschichte zwischen 1890 und 1945, macht nachvollziehbar, warum Ida bzw. Dora die Behandlung bei Freud nach drei Monaten abbrach: Ida rebellierte gegen ihre Rolle auf Sigmund Freuds Couch. (mehr …)
by LiSe | 30. Aug. 2018 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Fünf Jahre Lyrik-Magazin „Signaturen“
Von Hans-Karl Fischer
Was ist der Unterschied zwischen einem Internet-Magazin und einer herkömmlichen Literaturzeitschrift wie „Akzente“? Wenn man das Lyrik-Magazin „Signaturen“ im Internet öffnet, so stößt der Leser auf ein „Gedicht der Woche“ und auf Rezensionen über gerade erschienene Gedichtbände. Es ist der Eindruck von größtmöglicher Aktualität, der überrascht; auf eine solche Fülle haben Anhänger von Lyrik schon lange gewartet. Das meiste, was in „Signaturen“ steht, ist jedoch ein beständig wachsendes Archiv, das aus den früheren Texten der wöchentlichen Ausgaben besteht. Das muss nicht von Nachteil sein: ich hole mir keinen Sonnenbrand an der puren Gegenwart, sondern komme darüber hinaus zu einer bestimmten Kenntnis der im Schatten liegenden modernen Lyrik. (mehr …)
by LiSe | 28. Juni 2018 | Blog, Titelgeschichte
70 Jahre Münchner Seerosenkreis
Von Stefanie Bürgers
Es ist Nacht. Warmes Licht strömt aus hell erleuchteten Fenstern und Künstler-Ateliers. Eine Atmosphäre voller Poesie. Friedvolle Symbiose von Mensch, Zeit und Raum. So haben sich der Dichter Peter Paul Althaus und der Maler Hermann Geiseler kurz nach dem Krieg die Traumstadt vorgestellt und erschaffen.
Versetzen wir uns in das Jahr 1948, zerstörtes München, Hungerwinter, Währungsreform. Allem zum Trotz trifft sich ein Kreis von Künstlern im Wirtshaus Seerose in Altschwabing, nahe Wedekindplatz. Sie möchten die alten Künstlergemeinschaften wieder zum Leben erwecken. Diese Treffen der „Zurückgebliebenen“, wie sie sich anfangs betitelten, wurden später zum Seerosenkreis, benannt nach dem Tagungsort. Ein Gründungstag lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das passt zu dieser Gruppe, die offen und durchlässig sich überschneidende Kreise einbezieht, Dichter wie Peter Paul Althaus (von den Freunden nur PPA genannt), bildende Künstler wie Hermann Geiseler und Oswald Malura, Schauspieler wie Gustl Weigert oder den Regisseur Karl Theodor Langen. Eine feste Organisationsform gibt es nicht, keine Mitgliederliste, keine Satzung. Geselligkeit, Zwanglosigkeit, kein „Festgelegtsein“ sind Selbstverständnis. Und so kam auch Gustl Weigert, der nur ums Eck wohnte, stets in Filzpantoffeln zum Stammtisch. (mehr …)
by LiSe | 28. Juni 2018 | Blog, Kolumne
Haben Sie, verehrte Leserinnen und Leser, nicht auch manchmal Angst, er könnte es tun? Er, Ihr Computer, Ihr treuester, wirklich enger Gefährte könnte längst heimlich begonnen haben, Ihren Roman zu schreiben? Ihr biografisches Opus Magnum, Ihren Karl-Ove-Knausgard-Intimbericht? „Leben, Lieben und Sterben“ – komponiert und konstruiert aus all den E-Mails, Suchbegriffen, Banküberweisungen oder Bewerbungsschreiben, die Sie ihm Jahr für Jahr überlassen haben! Und locker hochgerechnet auf Ihr Lebensende? Sie haben mal gelegentlich was über „Künstliche Intelligenz“ gelesen und dass namhafte Wissenschaftler von Stanford bis Oxford ein Moratorium fordern, man müsse sofort Grenzen setzen, noch sei es nicht zu spät! Sie haben vielleicht von jenem SUV-Fahrer gelesen, der in Oberbayern den Weisungen seines intelligenten Navi folgend nachts in einen Weg zum Moor eingebogen ist und nicht mehr selbständig herauskam? Sie haben von Enzensbergers Poesie-Automaten gehört? (mehr …)
by LiSe | 28. Juni 2018 | Blog, Vermischtes
Ein Mineraloge auf Abwegen
Franz von Kobell und seine bayerische Heimat
Von Michael Berwanger
Wer den Biergarten des ehemaligen Hofbräukellers in Haidhausen auf der Rückseite durch den kleinen Durchlass verlässt, kommt in den Maximiliansanlagen zu einer Anhöhe, die die Münchner die „Kobell-Wiese“ nennen. Auf der Kuppe, direkt vor der früheren Villa des Malers Eduard Grützner, steht ein Denkmal, das an den Mineralogen, Schriftsteller, Konservator und Musiker Franz von Kobell erinnert. Es ist eines jener Denkmäler, die durch Prunk und Größe auf eine Zeit verweisen, als Bayern noch an den ewigen Fortbestand der Wittelsbacher Monarchie glaubte – ein Gründerzeitdenkmal. Auf einem klassizistischen Natursteinpostament, flankiert von stilisierten Pinienzapfen, thront die von Ferdinand von Miller gegossene Bronzebüste des Volksdichters, entworfen vom damals äußerst umtriebigen Künstler Benedikt König, der sich gern Professor von König nennen ließ, und errichtet im Auftrag des Prinzregenten im Jahr 1896. (mehr …)
by LiSe | 28. Juni 2018 | Blog, Vermischtes
Die Münchner Volkshochschule bietet einen Jahreslehrgang Literarisches Schreiben an – ein ganzes Jahr im Zeichen literarischen Schreibens. In diesem Lehrgang steht die intensive Betreuung der Teilnehmenden durch erfahrene Dozenten und Dozentinnen im Mittelpunkt. Notwendige handwerkliche Fertigkeiten verbinden sich mit Überlegungen zu künstlerischen Konzepten und werden ergänzt durch Kenntnisse über den Literaturbetrieb. Zentrales Thema ist die literarische Prosa in ihren verschiedenen Formen bis hin zur Entwicklung eines Romanprojekts. (mehr …)
by LiSe | 28. Juni 2018 | Blog, Vermischtes
Die Buchhandlung „CoLibris“ in Neuhausen empfiehlt diese beiden Romane, die im Sommer ganz druckfrisch erscheinen.
Michael Ondaatje: Kriegslicht
Hanser Verlag
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird der 14jährige Nathaniel zusammen mit seiner älteren Schwester Rachel von Mutter und Vater in London zurückgelassen. Die Kinder befinden sich von nun an in der Obhut des mysteriösen „Falters“, den sie für einen Schmuggler und Ganoven halten. Als mehr und mehr klar wird, dass dieser sich mit
seinen exzentrischen Freunden fürsorglich um die Kinder kümmert, schwindet das Misstrauen. Nach langer Zeit kehrt die Mutter zurück, schweigt jedoch über die Jahre ihrer Abwesenheit. Erst als Erwachsener, lange Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Mutter, verfolgt Nathaniel ihre Spuren und gewinnt Einblick in das Leben einer Spionin im Kalten Krieg.
Sehr lesenswert.
Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin
Hanser Verlag
Riva ist eine gefeierte und bewunderte Hochhausspringerin. Als sie sich eines Tages weigert, weiter zu trainieren, wird eine andere junge Frau, Hitomi, damit beauftragt, Riva wieder gefügig zu machen. Scheitert sie, droht ihr eine Verbannung in die Peripherien der Stadt, wo die Menschen in Armut und Schmutz leben, ohne eine Chance auf Arbeit, Gesundheit und Wohlstand. Geschildert wird eine Gesellschaft, in der Anpassung begehrenswert und Transparenz des Einzelnen total ist.
Beklemmend und packend.
Buchhandlung CoLibris,
Leonrodstraße 19, 80634 München