[LiSe 11/16] Münchens literarische Orte (Folge 5)

Künstlergenossenschaft und Inspirationsquelle Das Streitfeld

Einer der wahrscheinlich jüngsten Literaturorte Münchens ist das „Streitfeld“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine Künstlergenossenschaft, die in Berg am Laim, genauer gesagt in der Streitfeldstr. 33 angesiedelt ist. 2007 als „KunstWohnWerke“ gegründet, bezogen die ersten Künstler vor vier Jahren die beiden Gebäude der ehemaligen Textilfabrik Kuszner und bauten deren Räume zu Ateliers für bildende Künstler, zu Werkstätten für Kunsthandwerker, zu Tonstudios für Musiker und eben zu Schreibbüros für Schriftsteller um. Eines der beiden literarischen Arbeitszimmer ist an die Dramatikerin und Kinderbuchautorin Leo Hoffmann vergeben, das andere hatte bis vor kurzem die Drehbuchautorin Johanna Stuttmann inne. Jetzt arbeitet dort der Kabarettist Ludwig Müller. Damit ist das „Streitfeld“ der Geburtsort verschiedenster literarischer Texte: Leo Hoffmann verfasste hier die Theaterstücke „Chefsache“ und „Am Rand“, Johanna Stuttmann das Drehbuch zu dem Fernsehfilm „Im Spinnwebhaus“, den die ARD vergangenen August ausstrahlte. (mehr …)

[LiSe 11/16] Lyrische Kostprobe

vertrauen, dieses nachtlicht

kaufte ich von einer sehr alten dame.
sie hob die brauen: was, kein schlaf?
dein herz kommt wohl von schlechten vorbesitzern!
stimmt, dauernd wache ich auf und frage:
und die luft? wie kommen wir dazu
uns an ihr festzuhalten?

Birgit Kreipe
Aus: Soma. Gedichte. kookbooks 2016.

[LiSe 11/16] Kurzgeschichte: Was bleibt

Wie ein kranker Vogel hast du im Lehnstuhl gekauert. Wie zerzaustes Gefieder dein Haar. Und was ich auch sagte, dein Blick blieb verloren. Wo wir dich abgesetzt haben, bist du geblieben. Stunden, den ganzen Tag. Viel zu oft sind wir an dir vorbeigegangen. Nur selten zogen wir einen Stuhl heran um uns zu dir zu setzen. „Wir haben schließlich noch unser eigenes Leben“ sagten wir. Und was hätten wir reden sollen? Du hast auf deinen uns unbekannten Horizont geschaut. Und so streichelten wir deine Wange und schlichen uns davon. Zu den Malzeiten haben wir dich hochgehoben und an den Tisch gesetzt. Du warst nicht schwer. Ich habe dir die Speichelfäden getrocknet und deine runzelige Puppenhand gehalten, die flatterte wie ein aufgescheuchtes Tier. Den Löffel mit der Suppe habe ich dir an die Lippen geführt so wie du es getan haben magst als unsere Rollen noch nicht vertauscht waren. (mehr …)

[LiSe 11/16] Rezension: Lesequal und Lesespaß

Zwei Münchner AutorInnen auf der Longlist zum  Deutschen Buchpreis

Die Spannung ist raus: Der Deutsche Buchpreis ist an Bodo Kirchhoff vergeben, die Shortlist zum Buchpreis hat an Attraktivität verloren, und die Longlist ist endgültig Vergangenheit. Aus Münchner Sicht lohnt allerdings ein Blick auf diese 20, im September empfohlenen Titel: Zwei von ihnen stammen von AutorInnen aus der Landeshauptstadt, und zwar „München“ von Ernst-Wilhelm Händler und „Die Witwen“ von Dagmar Leupold. Händlers neues Buch heißt im Untertitel „Gesellschaftsroman“ und spießt die Münchner High Society auf. Im Mittelpunkt steht die reiche Erbin und Psychotherapeutin Thaddea mit ihrer Villa in Grünwald und ihrem Stadthaus in Schwabing. Partys, Empfänge, Vernissagen, Mode und Porsches nehmen sperrig, langatmig und freudlos breiten Raum ein. Spaß macht die Lektüre kaum, der Erkenntnisgewinn ist gering. (mehr …)

Lesen und Vorgelesen bekommen zählen zu den schönsten Kindheitserinnerungen

Ob mit Taschenlampe  unter der Bettdecke oder gebannt zuhörend in den Armen von Mama oder Papa: Erlebnisse mit Büchern bleiben unvergesslich. Für rund ein Drittel der Menschen in Deutschland zählen das Vorgelesen bekommen und das Lesen unter der Bettdecke zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Dies hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag von Vorsicht Buch! unter 5.000 Menschen in Deutschland herausgefunden. Dabei kamen die Vorlesezeiten auf 32,9 Prozent, das nächtliche Lesen im Bett auf 30,5 Prozent. (mehr …)

[LiSe 10/16] Stadtgeschichte auf 74 Metern

Die Chronik von München wird seit 1845 in Tagebüchern festgehalten

Die acht indischen Elephanten des Zirkus Hagenbeck scheuten auf dem Wege zum Siegesthor in der Ludwigstraße vor der an ihnen vorüberfahrenden Lokomotive, welche den feuerspeienden Drachen trug. Vier derselben rannten trotz der ihnen angelegten Fesseln in die Fürstenstraße, durch dieselbe über den Wittelsbacherplatz durch die Dienerstraße in die Menschenmassen auf dem Residenzplatz, eine furchtbare Panik verbreitend … Wie wir nachträglich erfahren, sollen zwei Frauen, ein Kind und ein älterer Mann todt sein.“ So endete am 31. Juli 1888 die Centanarfeier für König Ludwig I. Dass diese „Elephantenkatastrophe“ so im Detail nachvollzogen werden kann, ist der „Chronik der Stadt München“ zu verdanken: Münchner Stadtgeschichte wird seit dem Jahr 1845 in den sogenannten Diarien bis zum heutigen Tag niedergelegt. (mehr …)

[LiSe 10/16] Kolumne: Rilkes Villa, jetzt!

Unter jedem Dach wohnt ein Ach – und da wird’s wohl noch eine Zeitlang bleiben. Vor allem die bedauernswerten Makler müssen dies gerade wieder erfahren, wenn sie berühmte Dichter-Villen verscherbeln wollen.

Keiner will sie haben, die von Ruhm und Genius getränkten Mauern. Es winkt sofort der Denkmalschutz, es drohen die Feuilletonschreiber über jeden Privatier herzufallen, der es wagt, zu kaufen, aber kein Museum darin zu errichten, sondern es sich einfach gemütlich darin zu machen, Kinder zu zeugen, einen Dobermann zu halten und all das. (mehr …)

[LiSe 10/16] Münchens literarische Orte (Folge 4) Literarischer Schaum

Das Vereinsheim

Laut Duden ist ein Schaumschläger „jemand, der (besonders aus Geltungsdrang) bestimmte Qualitäten oder Fähigkeiten vortäuscht, die er in Wahrheit nicht besitzt“. Laut Vereinsheim sind es Moses Wolff, Michael Sailer und Christoph Theussl, die gemeinsam mit durchschnittlich drei Gästen jeden Sonntag um 19.30 Uhr auf der Schwabinger Lesebühne literarischen Schaum schlagen. Von der Münchner Freiheit sind es keine fünf Gehminuten zu dem sandgelben Altbau in der Occamstraße Hausnummer acht (dem früheren „Gisela“), in dessen Erdgeschoss sich seit 2006 das Vereinsheim befindet. Die Außenbeleuchtung zeichnet ein Bild bayrischer Gemütlichkeit, die sich auch im Innenbereich fortsetzt: eine Kombination aus Wirtshaus und Bühne, deren Einrichtung die Gäste in ein Wohnzimmer der fünfziger Jahre zurückversetzt. (mehr …)