[LiSe 03/15] Kurzgeschichte: Wetten dass …?

Ich fahr nicht gern mit der U-Bahn“, sagte Philip. „Aber wenn mein Auto streikt, bleibt mir nichts anderes übrig. Da hock ich dann und seh mir die Leute an, mit ihren Handys und Smartphones und Tablets, die sich für nichts anderes interessieren, und frag mich ernsthaft, was aus der Menschheit mal werden soll. Vor allem über die mit den E-Books wunder ich mich. So ein Teil ist doch sowas von seelenlos. Während ein Buch, das hat für mich was Sinnliches. Ein Buch hat für mich eine Seele.“
„Du bist absolut von gestern“, lachte Hannes. „Den E-Books gehört die Zukunft. Buchläden werden überflüssig, Hugendubel kann dichtmachen. Und ich überlege mir auch, so ein Teil anzuschaffen.“

Philip seufzte. Und dann wurde er lebhaft: „Hab ich dir eigentlich mal erzählt, wie ich Steffi kennengelernt hab? Ich bin in der U6. Neben mich setzt sich eine, die zieht aus ihrem Rucksack ein Buch. Der Distelfink von Donna Tartt. Ich bin sofort begeistert von der Frau. Den gleichen Roman habe ich nämlich in meiner Tasche. Ich kram ihn raus, sie sieht es, guckt mich an, als wär ich von einem andern Stern. Wir fangen an zu lachen. Und da sah ich, die Frau ist wunderschön. Wir sind gleich ins Gespräch gekommen, wie genial der Roman wär. Wenn jeder nur in sein E-Book gestarrt hätte, wär das nicht passiert, sie wäre an der nächsten Station ausgestiegen, und mein Glück mit ihr. Ich hab sie dann ins Rischart zu einem Cappuccino eingeladen. Und das war der Anfang. Wetten, dass du null Chance hast, eine Frau kennenzulernen, die sich nur für ihr elektronisches Teil interessiert? Ich setze einen Kasten Bier.“

Hannes nahm die Wette an. Da er selbst gern Krimis las, entschied er sich, um seine Charmeoffensive zu starten, für Arne
Dahls Falsche Opfer. Am nächsten Tag fuhr er mit der U6, sah sich nach einem Opfer um und hatte es schnell entdeckt: Ein junges Mädchen, das sich über ihr E-Book beugte. Hannes setzte sich ihr gegenüber und ließ seinen Rucksack auf ihre Füße fallen. „Entschuldigung, das war keine Absicht.“ – „Hä?“, machte sie, sah kurz auf und starrte wieder auf ihr Teil.

„Verzeihung, darf ich fragen, was Sie gerade lesen?“ – „Dürfen Sie nicht. Frage ich Sie vielleicht, was sie heute Morgen gefrühstückt haben?“

„Dürfen Sie gerne.“ Hannes zog seinen Krimi heraus. „Arne Dahl. Hab ich zu meinem Kaffee verschlungen, irre spannend. Das sollten Sie unbedingt …“ – „Sie nerven“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Das war nicht meine Absicht. Aber darf ich raten, was Sie so fasziniert? Ich tippe auf den Distelfink von Donna Tartt. Das soll ja ein ganz fantastischer Roman sein.“ – „Lassen Sie mich in Ruhe.“

Ihr giftiger Blick suggerierte ihm die Vorstellung von zwölf Flaschen Bier, die gerade in Philips Kühlschrank verschwanden. Aber noch gab er nicht auf.

„Eine letzte Frage“, er lächelte charmant, „warum lesen Sie nicht ein richtiges Buch? Eins zum Anfassen. Das ist doch viel sinnlicher.“ – „Mit Ihrer Sinnlichkeit gehen Sie mir auf den Geist. Außerdem sind Bücher von gestern. Und jetzt hören Sie auf mit Ihrem Gelaber.“

„Vielleicht haben Sie recht. Bücher sind von gestern. Aber Arne Dahl ist nicht von gestern.“ – „Krimis interessieren mich nicht. Ich lese Klassiker, Dostojewski und Tolstoi, wenn Ihnen das ein Begriff ist.“ Sie schaltete ihr E-Book aus und verstaute es in ihrer Tasche.

„Arne Dahl ist ein Klassiker“, sagte Hannes. „Der Klassiker unter den Krimiautoren. Ich würd es Ihnen gern mal leihen.“

Sie nahm das Buch und beäugte es. „Sind Sie vom Meinungsforschungsinstitut? Oder warum sind Sie so lästig?“

„Nein“, beteuerte er. „Ich finde es einfach nur toll, dass Sie sich für Klassiker interessieren. Deswegen würde ich Sie gern näher kennenlernen.“

Sie stand auf. „Ich muss raus. Da haben Sie Ihr Buch!“

Hannes winkte ab. „Ich schenke es Ihnen. Wollen wir uns morgen im Rischart treffen? Und Sie sagen mir, ob Sie vielleicht Ihre Meinung geändert haben? Um ehrlich zu sein, ich würde Sie einfach gern wiedersehen.“

Jetzt lächelte sie. Hannes triumphierte innerlich und holte im Geiste seine Bierflaschen wieder zurück.

„Morgen um zwölf im Rischart? Sie kommen?“ – „Ja“, sagte sie, „ich komme.“

„Wie heißen Sie?“ – „Das verrat ich Ihnen morgen.“

Sie stieg aus, lächelte ihm durch die Scheibe zu und ging beschwingt den Bahnsteig hinunter. Er sah ihr nach, wie sie das Tuch fester um ihre Schultern zog. Wie sie sich mit jemandem unterhielt. Weiterging.

Plötzlich stoppte. Umkehrte.

Hannes’ Herz machte einen Sprung. Dann sah er, wie sie den Krimi aus ihrer Tasche zog, ihn über einen Papierkorb hielt. Wie sie zögerte. Und ihn kurz entschlossen fallen ließ.

Hannes sprang auf, um seine falschen Opfer zu retten. Aber da schloss sich die Tür und die U-Bahn fuhr los. Er fluchte. Die Wette hatte er verloren. Und die Anschaffung eines E-Books würde er sich auf jeden Fall nochmal überlegen. Sonst würde er immer, wenn er das Ding in der Hand hatte, an seinen eben erlittenen Misserfolg denken. Und das musste nun wirklich nicht sein.
Gudrun Golch

[LiSe 03/15] Online-Shoppen und dabei lokale Buchhändler unterstützen

Wer auf die Bequemlichkeit des Online-Shoppings nicht verzichten will, kann beim Buchkauf dennoch seinen lokalen Buchhändler unterstützen. Das geht ganz leicht mit einer in München entwickelten App namens LChoice der Firma MChoice AG. Das „L“ im Namen dieser App steht für „local“, weil die Bestellung, die man mit der App von seinem Smartphone aus, rund um die Uhr und von überall tätigen kann, nicht irgendwo eingeht, sondern direkt beim nächsten Buchhändler vor Ort. Dort kann der Kunde das Buch dann, meistens am nächsten Tag, persönlich abholen oder es sich per Post nach Hause schicken lassen. In jedem Fall kostet die Abwicklung über LChoice den Kunden keinen Cent mehr und geht genauso schnell oder sogar schneller als der Online-Einkauf bei anderen Plattformen wie zum Beispiel Amazon. Der große Vorteil ist, dass man auf diese Weise den niedergelassenen Buchhändler unterstützt und dem Sterben kleiner (und auch großer) Buchhandlungen entgegenwirkt, denen der Einkauf per Mausklick ansonsten die Lebensgrundlage entzieht.

Die LChoice-App ist kostenlos im App-Store jedes Smartphones herunterzuladen. Um sich anzumelden, genügt die Postleitzahl, die E-Mail-Adresse und ein Passwort. Nun kann man jedes Buch entweder nach dem Titel, dem Autor oder der ISBN-Nummer suchen oder mit einem integrierten Scanner den QR- oder Barcode eines Buches einlesen. Mit wenigen Klicks ist so ganz schnell ein Buch geordert, auf das man im Regal eines Freundes gestoßen ist oder das der Sitznachbar in der S-Bahn liest. Die App hat Zugriff auf das VLB, das Verzeichnis lieferbarer Bücher, mit rund 1,7 Millionen Titeln. Rund 150 Buchhändler arbeiten bisher mit LChoice zusammen. Wer seinen Buchhändler noch nicht als LChoice-Partner in der App findet, kann ihm direkt aus der App heraus eine Einladung zukommen lassen.
Simone Kayser

[LiSe 03/15] Endlich Eigenes Lesen!

Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne mal öffentlich vortragen wollen.

Jeden Freitag von 19:30 bis 22 Uhr  lesen in Haidhausen, Milchstrasse 4, direkt hinterm Gasteig Autorinnen und Autoren und bekommen im Gespräch mit dem Publikum direkte Resonanz. Wer lesen möchte, trägt sich vorher im Lesekalender ein.

Haidhauser Werkstattpreis: Am ersten Freitag im Monat kann jeder Autor einen eigenen 10-minütigen Text lesen, keine Anmeldung erforderlich. Das Publikum wählt den besten Beitrag; er nimmt am Finale im Gasteig teil, das einmal im Jahr stattfindet. Der Sieger wird mit Wein und Preisgeld belohnt!

[LiSe 03/15] Lyrische Kostprobe

muss das blenden sein, schlag ins gesicht, wenn ich mir
überschüssiges licht aus den augen wische. brennt sich aus,

verfolgt die bestückte sicht: farbe als schale über dem tisch.
gruppieren sich stühle daneben, um lücken im zimmer, die

immer weit ins holz verreist sind, bis jemand kommt und
sie verschiebt. steht auf der stelle am boden ihr vergangenes

stehen. und wieder lücken dazwischen, kriechen richtungen
raus, suchen fluchtwinkel zur untermiete für den blick. als

gälte es, sich von selbst bis blind zu verstehen, bricht in die
statik der farbe schwerkraft ein, wirft schatten aufs parkett,

sichtreste. und sammelt sie ein: haufen aus blendflecken als
geschichte des blicks, im dunkeln, beim schälen des tischs.

Tristan Marquardt
(aus: „das amortisiert sich nicht“, kookbooks 2013)

[LiSe 03/15] Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“

Stefan-Zweig-Ausstellung im Literaturhaus noch bis 7. Juni

In der neuen Ausstellung im Literaturhaus München spricht Stefan Zweig aus dem Exil zu uns. Im Fokus stehen seine beiden Werke „Die Welt von gestern“ und „Schachnovelle“. „Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig – Abschied von Europa“ heißt die Dokumentation, die vom Theatermuseum Wien übernommen worden ist. Kurator ist Klemens  Renolder, seit 2008 Direktor des Stefan Zweig Centre der Universität Salzburg.

Das Ausstellungskonzept ist schon in Wien auf Begeisterung gestoßen, zieht es doch den Betrachter direkt in die großen Themen des Schriftstellers in seinen letzten Jahren hinein: in den Terror der Nazis und in die Situation des Exils. Ein Hotelambiente dient zwei Mal als Kulisse für die Ausstellungsobjekte, einmal versehen mit allen Merkmalen des Wiener Fin de Siècle, das Stefan Zweig so geliebt hat und das er nun für eine Schiffsreise ins Ungewisse endgültig hinter sich lassen muss, das andere Mal umgebaut zum Hauptquartier der Gestapo, die eine Folterkammer aus dem ehemals dem Luxus geweihten Haus macht. Hier hängen die schwarzen Mäntel der Folterer an den Wänden, und die fürchterlichen Erinnerungen des Dr. B. aus der „Schachnovelle“ werden zum Leben erweckt. Wo die Kisten gepackt, die Bilder von den Wänden genommen und die Teppiche aufgerollt sind, werden Zweigs geliebte Autografen ausgestellt. In München ist alles weitgehend nachgebaut worden.

Stefan Zweig beschreibt in „Die Welt von Gestern“ ausführlich seine Begeisterung für Autographen, der er bereits in Jugendjahren verfiel und die er über die Jahre noch ausbaute. „Ich suchte also von einem Dichter nicht nur die Handschrift eines seiner Gedichte, sondern eines seiner schönsten Gedichte und womöglich eines jener Gedichte, das von der Minute an, da die Inspiration in Tinte oder Bleistift zum erstenmal irdischen Niederschlag fand, in alle Ewigkeit reicht“, heißt es in seinen autobiografischen Erinnerungen. Man kann ermessen, wie schmerzhaft es für ihn war, die Sammlung aufzugeben, als er Österreich 1934 verlassen musste. Einen Teil schenkte er der Theatersammlung der Nationalbibliothek, das Theatermuseum zeigt einige dieser wertvollen Stücke erstmals. Auch Manuskripte und Typoskripte aus Archiven in den USA und Israel sind zum ersten Mal zu sehen.

Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien als Sohn eines Textilindustriellen, hat zahlreiche Werke verfasst, die weltweit gelesen wurden. Er war oft und lange auf Reisen, auch zu Recherchezwecken für seine Bücher, er hat Freundschaften gepflegt zu Hermann Hesse, Romain Rolland, Joseph Roth, Frans Masereel und Walther Rathenau und vielen anderen. Frieden und Völkerverständigung standen Zeit seines Lebens ganz oben auf seiner Wunschliste, er war überzeugter Europäer, ja Kosmopolit. Doch zu seinem Leben gehörten auch zwei Weltkriege, die öffentliche Verbrennung seiner Bücher, die Isolation des Exils zunächst in England, dann in die USA und in Südamerika, wo er sich, gemeinsam mit seiner Frau, in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 das Leben nahm. Die Ausstellung hat diese Seite seines Lebens im Blick und gewinnt mit dem Fokus auf Emigration, Fremdheit und Verlust der Sprache eine ganz aktuelle Brisanz. Das Literaturhaus will in seinem umfangreichen Begleitprogramm mit Führungen und Lesungen deshalb auch nicht nur den letzten Lebensabschnitt dieses großen Autors beleuchten, sondern Brücken bauen zur Jetztzeit.   Ursula Sautmann

Die Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“ ist vom 4. März bis zum 7. Juni 2015 geöffnet (Mo bis Fr 11 bis 19 Uhr und Sa/So/Feiertag 10 bis 18 Uhr). Der Katalog hat den Titel „Stefan Zweig – Abschied von Europa“ (Christian Brandstätter Verlag/Theatermuseum).

[LiSe 03/15] Kolumne: Lyrik, Hybris

Lyrik, ach, wo bleibt dein Frühling! Der Frost krallt sich in die Erde bis tief hinein in den März, und auch das zarte Pflänzchen Lyrik wagt sich zwischen den Eisplatten von Krimis und Thrillern, der Lava dröger, dickleibiger Prosa kaum ans Licht. Poesie spreizt sich aber auch, ist pubertär, abweisend, streitlustig und will nicht immer verstanden werden. Aber: Lyrik ist auch, was im Ohr hängen bleibt, gesungen, geschmalzt, geträllert. Wer wusste das besser, als der Großlyriker Udo Bockelmann alias Jürgens, de mortuis nil nisi: „Siebzehn Jahr, blondes Haar…“, ist das nicht eigentlich ein verkapptes Frühlingspoem? Kaum ein anderer oder wagen wir zu sagen: Kein anderer hat es geschafft, derart viele lyrische Ohrwürmer in unsere Gehirne zu pflanzen, wie der ewige große Junge, der nach Konzerten im weißen Bademantel vom Podium herunter Jung und Alt die Hände reichte und reichen wollte bis in alle Ewigkeit – 60 Jahre Erfolg auf Erfolg . Über 100 Millionen Tonträger verkauft. Und doch, der Zweifel nagt: Musste er seine Tournee mit 80 Jahren „Mitten im Leben“ nennen? War das nicht klassische Lyriker-Hybris, wie sie seit eh und jäh bestraft wird?

Hölderlin, null Tonträger, hatte übermütig 1798, weh mir wo nehm ich, wenn es Winter ist, die „Hälfte des Lebens“ besungen, wohl in der Annahme, die zweite läge noch vor ihm und erlitt damit Schiffbruch, weil er schon wenige Jahre danach (manche sagen, schon während) in geistige Umnachtung geholt wurde – von den Göttern, ganz offenbar, wo er mit ihnen im Dunklen diese zweite Halbzeit spielen musste. Hängen wir den weißen Bademantel von Udo J.  nur einmal probeweise um die Schultern des Nürtingers Friedrich H., so wird schnell deutlich, dass dieser wohl noch nicht einmal in der nächtlichen Hälfte seines Lebens derart albernweiß ummäntelt auf den Gedanken verfallen wäre, seine Fans zu verabschieden, wobei andererseits er eben nie in die Verlegenheit des Händeschüttelns – Schiffbruch? Wenn das nicht das eigentliche Thema des Dichters ist, was dann?

Er darf, er soll sein Schiff verlieren. Am besten in jedem Gedicht. Aufbrechen, Risiko, das Gewohnte verlassen usw. Michael Krüger hat Recht, wenn er, wie jetzt auf der Poetica 1 in Köln sich zur Poesie bekennt: Sie kann spannend sein, existentiell, geheimnisvoll, umwerfend. Aber eben auch siebzehn Jahr blondes Haar; oder um es mit Enzensberger auf den Punkt zu bringen: „Lyrik nervt“.
WH.

[LiSe 03/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 2)

Schwabinger Kaffeebohnen

Die „Kuhle“ ist Kult: Hans Magnus Enzensberger und sein Lieblingsbuchladen Lehmkuhl

„Lehmkuhl geht’s gut“, sagt Hans Magnus Enzensberger über seine Lieblingsbuchhandlung. Da schluckt man erstmal. Meint der Mann das wirklich? Das große Lamento über Amazon, macht der Branche die Kunden abspenstig, und da soll es einer Buchhandlung gutgehen? – „Amazon, die ignorieren wir einfach“, redet Enzensberger fröhlich weiter. Die Furcht mancher Autoren, sie könnten wegen Negativaussagen im Rating des Internetriesen herabgestuft werden, schüttelt ihn nicht. Der agile 85jährige sucht die „Kuhle“ oft mehrmals wöchentlich auf. –„Ist ja so praktisch für mich. Sie liegt über die Straße, die Buchhändlerinnen dort wissen Bescheid, kennen ihre Kunden, man kann die Bücher in die Hand nehmen, das sind paradiesische Zustände.“ – Mehr gibt es für ihn nicht zu sagen, und knapper und besser hätte man auch nicht auf den Punkt bringen können, was eine Buchhandlung von einem Onlineladen unterscheidet.

Michael Lemling, Geschäftsführer von Lehmkuhl, sieht das genauso. Er kann sich in seinem Stuhl zurück- und an eine über 100jährige Geschichte anlehnen. 1903 von Georg Steinicke gegründet, 1913 von Fritz Lehmkuhl übernommen, von 1934 bis 2005 im Besitz der Familie Schumacher, gehört der Laden heute den Verlegern Wolfgang und Hans-Dieter Beck. Ein Glücksfall. Eine Schwabinger literarische Buchhandlung in den Händen eines großen Schwabinger Traditionshauses. „Wir konnten vom Konzept her intakt bleiben, jenseits der Branchenentwicklung, mussten uns keine neuen Flächenkonzepte einfallen lassen, keine neuen Warengruppen aufnehmen. Wir sind die Stadtteil-Buchhandlung geblieben, die wir immer waren, traditionell und traditionsreich.“

So betritt man den Laden auch nach dem Umbau in Sommer 2012 mit Heimatgefühlen. Nach wie vor präsentiert er sich als langer Schlauch, mit einer großzügigen Ausbuchtung im Eingangsbereich, dem mit Büchern beladenen Flügel – Lehmkuhls Leitmotiv – und der Kassentheke, mit zwei kleineren Ausbuchtungen weiter hinten. Hier herrscht die Literatur, die schöngeistige und die unterhaltende, das Arsenal der Krimis und Thriller, die Kunst- und Fotobände, die Hörbücher und auch der Tolino, der eBook-Reader der Buchhandlungen. „Wir haben nichts gegen eBooks“, sagt Lemling. „Die Offenheit für die Digitalisierung muss sein. Das ist nicht der Untergang des Abendlandes und wird das gedruckte Buch nicht von der Bildfläche verschwinden lassen. Es sind ja beileibe nicht nur die Jungen, eher die 50plus-Leser, die sich dafür interessieren und sich von uns vor allem auch technisch beraten lassen.“

Im ersten Stock dominieren die Sachbücher, die Sprach- und Reiseführer, Musik-CDs und die Kinder und Jugendliteratur. Damit aus kleinen Lesern beizeiten große werden, widmet sich ihnen das Label Lehmcool mit einem besonderen Programm zum Bücher erleben, Autoren kennenlernen, Spaß haben. Dazwischen nicht zu vergessen die berühmte Treppe. Bei Lesungen, die zu organisieren in dem schmalen Laden ein wahres Kunststück ist, reißen sich manche Leute um einen Platz darauf. Dass Lesungen rückläufig sein sollen konnte Lemling bisher nicht wahrnehmen, im Gegenteil, der Bedarf an ihnen sei gewachsen. „Vielen Menschen ist die Tuchfühlung mit den Autoren eben wichtig und bei uns möglich. 80 Leute passen in den Laden, das ist eine angenehme Zahl. Aber einmal im Jahr machen wir die große Nummer, mieten das Audimax, tun uns mit den Kammerspielen und dem Residenztheater zusammen. Da zeigen wir, dass wir dazu auch fähig sind.“

Der Autor Enzensberger hingegen wehrt, auf Lesungen angesprochen, ab. Selber liest er nicht, nicht einmal aus seinem im Vorjahr so erfolgreichen autobiographischen Rückblick „Tumult“. Er zieht es vor, andere zu empfehlen, weniger bekannte Kollegen vorzustellen.

Michael Lemling wechselte 2006 von Carolus in Frankfurt zu „Münchens renommiertester Buchhandlung“ (laut Merian). Über das, was sich unter seiner Leitung seitdem getan hat, berichtet er mit Understatement. Etwa über 5plus, die seit 2009 bestehende Kooperation von anfangs fünf Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die inzwischen auf acht angewachsen ist. Das Kundenmagazin erscheint zweimal im Jahr gratis, mit Beiträgen namhafter Autoren und Buchempfehlungen der Mitarbeiter, Lesetipps par excellence. Dazu gibt es jährlich eine Art Jahresgabe, ein besonderes Stück Literatur in einer exklusiv edierten Ausgabe. Erweitert hat Lemling den Weihnachtsladen im Gartenhaus auf November und Dezember, festgehalten hat er an Traditions-Veranstaltungen wie Kundenfeste, Fahrten zu den Büchermessen, Bücherflohmärkte u.a. Lehmkuhl ist Mitglied des Vereins Buy Local und setzt sich damit für den unabhängigen Einzelhandel ein.

Mit einem Einkauf bei Lehmkuhl rettet man nicht gleich die Welt, heißt es in der Werbung, aber die Vielfalt Schwabings. Dass die Selbstbedienungs-Kaffeemaschine, die neben der gemütlichen Sitzgruppe im Hintergrund des Ladens steht, mit Bohnen aus einer Kaffeerösterei ums Eck gefüttert wird, ist so eine Geste.
Katrina Behrend Lesch

In unserer Reihe „Meine Lieblingsbuchhandlung“ stellten die „LiteraturSeiten  München“ in der ersten Folge den Münchner Autor Christoph Poschenrieder und „Buch & Bohne“ vor.

[LiSe 02/15] Volk Verlag ausgezeichnet

Weil er „ein frisches und originelles Bild von Bayern“ zeichnet, wurde der Münchner Volk Verlag im Dezember mit dem Bayerischen Kleinverlagspreis 2014 ausgezeichnet. 200 Sachbücher, Bildbände, Comics und Kinderbücher – alle rund um München und Bayern – hat Verlagsleiter Michael Volk in 17 Jahren herausgebracht. Mit Publikationen zu Münchner Stadtteilen und allen Regionen Bayerns kämpft der Kleinverlag stetig gegen die Großen an. Das bislang erfolgreichste Buch des Volk Verlags „Genuss mit Geschichte“ stellt die fünfzig besterhaltenen denkmalgeschützten Gaststätten in Bayern vor. „Der Volk Verlag macht Lust auf Bayern mit einer breitgefächerten Palette von hochwertigen Sachbüchern jenseits der gängigen Bayern-Klischees“, lobte der Bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle bei der Preisverleihung im Rahmen des Münchner Literaturfests.
Simone Kayser