by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Vermischtes
Barbara Bronnen (1938–2019) hinterlässt ein umfangreiches literarisches Werk. Die Materialien dazu liegen jetzt in der Monacensia.
Von Katrina Behrend Lesch
Barbara Bronnen hat früh zu schreiben angefangen. Mit acht Jahren verfasste sie ihr erstes Gedicht und widmete es, schön gebunden, ihrem Vater, dem Schriftsteller Arnolt Bronnen. Dass er schrieb, faszinierte sie ungeheuer, und sie wollte es ihm gleichtun. „Das ist, glaube ich, was man unter ‚Künstlerblut‘ verstehen kann“ sagte sie einmal in einem Interview, „dass man es einfach mitkriegt.“ Sie wollte auch immer in sein Arbeitszimmer eindringen, was ihm offensichtlich lästig war. In ihrem Roman „Die Tochter“ lässt Barbara Bronnen ihr Alter Ego Katharina von einer Episode berichten, in der der Vater beim Zuwerfen der Tür ihre Hand einklemmt und sich um ihre Schmerzensschreie nicht kümmert. Es war also eine durchaus zwiespältige Beziehung, genauso zwiespältig wie die Person Arnolt Bronnen selbst. Dennoch, ohne ihn und seine Geschichte, wäre sie nicht, wer sie heute sei, ohne ihn würde sie nicht schreiben. Um aus dem Schatten des mächtigen Vaters zu treten, musste Barbara Bronnen sich mit ihm schreibend auseinandersetzen. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
DAS WARTEN
der Harfenistin auf ihren Einsatz im Adagio,
der Dorfbewohner auf den Tsunami,
der Elfjährigen auf den ersten Kuß,
des flüchtigen Diktators auf die allerletzte Maschine,
des Hungerkünstlers auf sein Frühstück,
der Lottospieler auf das Fallen der weißen Kugel,
des Vielbeschäftigten auf die erlösende Langeweile,
des Häftlings auf den Genickschuß,
des frommen Juden auf den Messias …
Hans Magnus Enzensberger
Textauszug aus Hans Magnus Enzensberger: Wirrwarr – Gedichte. © Suhrkamp Verlag Berlin 2020.
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Vermischtes
Der Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung für die besten literarischen Debüts, ursprünglich für das Frühjahr 2020 geplant, wird nun im Herbst erstmals verliehen.
In diesem für Kulturschaffende besonders harten Jahr und auch aufgrund der hohen Qualität der ausgewählten Bücher hat man sich entschieden, allen fünf Shortlist-Autor*innen ein Preisgeld zukommen zu lassen. Der Hauptpreis, dotiert mit 6.000 Euro, geht an den Roman „Hawaii“ von Cihan Acar. Die mit jeweils 3.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an „Otto“ von Dana von Suffrin, „Drei Kilometer“ von Nadine Schneider, „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer und „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frenk.
Die Preisverleihung findet am 17. September im Literaturhaus München statt.
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Vermischtes
Für September empfehlen die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken diese Neuerscheinungen:
Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst
Fischer Verlag
Dieses Buch ist kein Roman, es ist der innere Dialog einer jungen, queeren afrodeutschen Frau mit komplizierter Familiengeschichte. Diese Textform, anfangs überraschend und irritierend, fesselt schnell. Die Protagonistin hat auf der einen Seite viele gesellschaftliche Freiheiten, die sie auch als solche wahrnimmt, empfindet sich andererseits aber als „das maximal Andere“, und das nicht durch ihre sexuelle Orientierung, sondern durch ihre Hautfarbe. Sie trägt eine große Zerrissenheit in sich, eine Angst vor Bindungen, das Gefühl, nicht gewollt zu sein. Das aufrüttelnde Buch einer jungen Frau, die darum kämpft, nicht immer als „anders“ wahrgenommen zu werden. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Vermischtes
Das Münchner Übersetzer-Forum
Von Stefanie Bürgers
Rechtzeitig zum Internationalen Übersetzertag am 30. September bringen die LiteraturSeiten München den Online-Beitrag der April-Ausgabe 2020 über das Münchner Übersetzerforum noch einmal in der Druckversion.
Hieronymus, der Schutzheilige der Übersetzer, hat im 4./5. Jahrhundert die Bibel aus dem Hebräischen bzw. Griechischen ins Lateinische übersetzt. Sein Todestag wurde von der UN-Vollversammlung 2017 offiziell zum „International Translation Day“ ausgerufen. Damit wird die oft wenig sichtbare Arbeit von Übersetzern, Dolmetschern und Terminologen gewürdigt, die grundlegende Bedeutung für die Verständigung zwischen den Nationen und für den Weltfrieden hat. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Zum neuesten Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger
Von Katrin Diehl
Die an die 70 Gedichte sind nichts Besonderes. Im Gegenteil. Sie stecken voller Gefälligkeit. Routinierte, lebenslange Schreiberfahrung kann man ihnen anmerken, auch eine Art Mühelosigkeit, wie sie da, eines nach dem anderen, recht artig aufs Papier geglitten sein mögen. Und das macht schlechte Laune.
Denn sie sind – erschienen unter dem vielversprechenden Titel „Wirrwarr“ – eben von Hans Magnus Enzensberger, dem Ewigen, dem fast programmatischen Einzelgänger, dem Sucher nach dem Speziellen, dem Anstimmer von Abgesängen (zum Beispiel auf die „Literaturkritik“), dem Anstoßer und Macher (zum Beispiel vom „Kursbuch“ in den 60er Jahren), dem Preisträger einer ganzen Latte von Preisen (darunter auch, verliehen 1963, der Georg-Büchner-Preis). Nun ja, da war er eben noch jünger. Heute ist er über 90, was von einiger Bedeutung ist und doch auch wieder nicht, wenn es darum geht, ob er die Chance, die jedes Gedicht rein potentiell bietet, zu nutzen verstand. Den Lyrik-Band einfach durchzuwinken, hätte jedenfalls etwas Falsches. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Helena Janeczeks großartige Roman-Biografie über die Kriegsfotografin Gerda Taro
Von Slávka Rude-Porubská
Inmitten des Wahnsinns knipste sie wie besessen, die winzige Leica über dem Kopf, als könnte sie sie vor den Bombern schützen. Der brave Soldat Gerda.“ Als hätte man ein Foto vor sich – mit knapp-anschaulicher Szene stellt die in München geborene Wahlitalienerin Helena Janeczek die Heldin ihres 2017 in Mailand erschienenen Romans vor, der jetzt von Verena von Koskull ins Deutsche übersetzt wurde. Gerta Pohorylle, Tochter einer jüdischen Familie aus Stuttgart, begeistert sich Ende der 1920er Jahre in Leipzig für sozialistische Ideen und wird 1933 wegen ihrer Kontakte zu politisch linken Kreisen verhaftet. Nach der Flucht aus Deutschland bringt sie sich in Paris autodidaktisch das Fotografieren bei und stürzt sich in den medialen Kampf an der Front. Gemeinsam mit ihrem Lebens- und Geschäftspartner, dem aus Ungarn geflohenen André Friedmann, dokumentieren sie – unter den Namen Gerda Taro und Robert Capa – den Spanischen Bürgerkrieg für internationale Medien. (mehr …)
by LiSe | 14. Aug. 2020 | Blog, Vermischtes
Gabriele Fauser kam Anfang 2000 von einem Besuch in der Frankfurter „Wendeltreppe“, Deutschlands ältester Krimibuchhandlung zurück und erklärte mir, dass so eine auf Kriminalliteratur spezialisierte Buchhandlung in München doch fehle. „Du kannst so was“, meinte sie, „du bist doch Buchhändlerin. Wir gehen auf die 50 zu und wir sollten unserem langweiligen Büroleben noch etwas Pep verleihen.“ Mein Zögern dauerte nicht lange, denn welche Buchhändlerin träumt nicht davon, irgendwann in ihrem eigenen Laden zu stehen? Bald schon hatten wir uns auf den Namen glatteis geeinigt, der sich auf den Kriminalroman von Hans Werner Kettenbach bezieht. Kurzum, im September 2000 öffnete glatteis seine Tür. Die Eröffnungstage waren mit Lesungen Donnerstag, 7. bis Samstag, 9. September 2000.
Wir hatten uns vorgenommen, mindestens 5 Jahre durchzuhalten. (mehr …)