by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Titelgeschichte
Vor 400 Jahren begann der 30jährige Krieg /
Von Andreas Gryphius bis Bert Brecht und Durs Grünbein
Von Antonie Magen
Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! // Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun // Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun // Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret. // Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. // Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun // Die Jungfern sind geschänd‘t / und wo wir hin nur schaun // Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret“. – Mit diesen sprachgewaltigen Zeilen beginnt das Sonett „Tränen des Vaterlandes“, das Andreas Gryphius 1636 unter dem Titel „Trauerklage des verwüsteten Deutschlands“ verfasste und ein Jahr später publizierte. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährte, werden hier so eindrücklich beschrieben, dass sie dem Leser bis heute plastisch vor Augen stehen.
Dabei sind die Verse von Gryphius nur ein Beispiel für eine Vielzahl dichterischer Zeugnisse, in denen schon die Zeitgenossen das Kriegsgeschehen verarbeiteten und als Inbegriff von Gewalt und Verwüstung darstellten. So verfasste beispielsweise Martin Opitz im Winter 1620/21 das „Trost-Gedichte in Widerwertigkeit deß Krieges“. Noch im „Dankeslied zum Kriegsende“ sprach Paul Gerhardt von „zerstörten Schlösser[n] / und Städte[n] voller Schutt und Stein“, von „vormals schönen Felder[n], / mit frischer Saat bestreut, / jetzt aber lauter Wälder und dürre, / wüste Heid“, von „Gräber[n] voller Leichen / und blutge[m] Heldenschweiß“. Immer noch bekannt ist das Kinderlied „Maikäfer flieg“, das vermutlich ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt und Bezug auf dessen Kriegskatastrophe nimmt. (mehr …)
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Kolumne
Einige sind heimlich geflohen, Einzelgänger. Es gab aber auch Buchhandlungen, aus denen sie massenhaft am hellen Tage ausgebrochen sind, vor allem im Zentrum der Stadt. Bücher haben sich aus dem Staub gemacht, denen man das niemals zugetraut hätte. Romane vor allem sind zu Hunderten geflohen, Sachbücher weniger, und Lyrik hat in der Regel ganz konservativ standgehalten in den ihr zugewiesenen Regalen. Die Buchhändler versuchen hektisch, alles schnell wieder aufzufüllen. Allerdings, „aus dem Staub“ zu sagen ist eine Gemeinheit. Tatsächlich sind es gerade die gepflegten Buchpaläste mit den riesigen Beständen, die den Exodus beklagen, gerade jene, die jetzt vor dem gewohnten gigantischen Weihnachtsansturm stehen. Auch Bestseller, die stolz und eitel unter Werbeplakaten in den Auslagen ruhen, haben sich ihren ruhmlosen Genossen, den Ladenhütern angeschlossen und sind über Nacht getürmt. Wollen sich zur Demo auf der Theresienwiese versammeln. Die Rote Revolution 1918/19 sei ihnen zu Kopf gestiegen, verlautet aus der Ettstraße. Tatsächlich haben die Bücher eine Rätevertretung gewählt mit allem, was ein Rätesystem zu bieten hat: Imperatives Mandat und jederzeitige Abwahlmöglichkeit, alles nur „Träumer“, würde Weidermann wahrscheinlich wieder sagen, der Literaturchef des „Spiegel“, dessen gleichnamiges Werk bei den Revoluzzern gesichtet wurde. (mehr …)
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
wie man farbige dunkelheit kreiert
stückzahl. geleitworte. ungelenke satzgeschosse
erzählen unzuverlässig von gewinnen. blue chips, werg
qua wertstellungswechsel: im disagio blühen renditen und
gänsefingerkraut-WHAM, aufflackernde ziffernblöcke &
all die homestories, dort,wo obstruktionen regieren. rat race
nachtschwarzer nominalgewinne gewittert hellauf über alle pips.
computer generiert. automatisch überboten. geld-
inkubatoren. palliative abschreibung, badewannenwarm.
der juniorchef macht seinen ersten großprofit. die lücke im ja/nein
schnickschnackt in verfilzten optionswolken. ich sage mir nichts.
Armin Steigenberger
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Vermischtes
Immer im Schatten – Heinrich Manns halb versteckte Gedenktafel in Schwabing
Von Michael Berwanger
Im Januar 2016 entschied das Landesamt für Denkmalpflege, dass der Gebäudekomplex an der Leopoldstraße 59-61 nicht in die Denkmalschutzliste aufgenommen werden könne, da es sich um einen Neubau handle – der ursprüngliche Bau war im Krieg total zerstört worden. Seither ist unklar, wann das so genannte Mann-Haus, in dem Heinrich Mann von 1914 bis 1928 gelebt hatte, abgerissen wird. Ohnehin wird dem im Schatten stehenden Bruder von Thomas Mann wenig Ehre zuteil– nur eine kleine Tafel erinnert an die 14 Jahre von Heinrich Manns Schwabinger Zeit. Und diese Tafel hängt nicht an der Front des Hauses, sondern seitlich. So, als ob man es besser nicht sehen solle. (mehr …)
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Vermischtes
Europa illustriert die Grimms
Die Grimms, das sind die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, deren Kinder- und Hausmärchen das weltweit meist übersetzte Werk deutscher Sprache ist. Die neue Ausstellung der Internationalen Jugendbibliothek zeigt mit Illustrationsbeispielen aus 17 Ländern, wie originell, kühn, witzig oder bissig unsere Märchen in anderen europäischen Ländern bildnerisch umgesetzt und in die Gegenwart geholt werden. So lässt Roberto Innocenti Rotkäppchen durch den Großstadtdschungel irren, bei Sophia Martineck sind Hänsel und Gretel Comicfiguren, die Bremer Stadtmusikanten werden von Claudia Palmarucci als Arbeiterparabel erzählt. Gerade durch die Sicht von Illustratoren aus unseren Nachbarländern wird deutlich, wie dehnbar die Märchenstoffe, eine Ikone deutscher Kultur, doch sind.
red
Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg,
Mo-Fr 10-16 Uhr, Sa/So 14-17 Uhr.
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Vermischtes
Werkschau von Christoph Niemann
Die Ausstellung „Im Auge des Betrachters“ im Literaturhaus ist die erste Werkschau von Christoph Niemann, dem international renommierten Illustrator, hierzulande bekannt durch Arbeiten für ZEIT- und SZ-Magazin. Sein Ansatz ist die Reduktion, die Essenz der Idee. Nur noch die soll beim „Leser“ seiner Bilder ankommen. „Der wahre Zauber findet nicht auf dem Papier statt, sondern entsteht im Kopf des Betrachters“, sagt er und lädt dazu ein, Poesie einmal ganz anders zu erleben: verspielt intellektuell, multimedial und überraschend in den Möglichkeiten, die unsere eigene Phantasie uns bietet. Die Ausstellung führt mit Einzelwerken, darunter die Cover für das US-Magazin The New Yorker, mit Serien, z. B. seinen „Sunday Sketches“, politischen Illustratio-nen, Photodrawings, Reiseaquarells, Filmen und Animationen durch das breite Spektrum von Niemanns Arbeiten. Christoph Niemann zeigt, dass wir alle – als Betrachter – die visuelle Sprache beherrschen, mühelos und in jedem Alter. Wie kaum ein Künstler lässt er uns dabei teilhaben am eigenen kreativen Schaffensprozess. Ein poetischer Kunstgenuss für die ganze Familie.
red
Literaturhaus, Salvatorplatz 1
Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa/So
Feiertage 10-18 Uhr. 6/4 €.
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Kurzgeschichte
Von Heike Duken
Er
regt sich schon, der Drachen in seiner Höhle. Er zuckt schon. Bald wacht er auf. Und dann reißt er das Maul auf und spuckt sein Feuer gegen meine Innereien, dass ich nur noch schreien kann.
Es ist Zeit, Schwester, kommen Sie, bitte. Warum warten, der Drachen ist wach, gleich erhebt er sich!
„Herr Claasen?“
Marion ist es.
„Es ist wieder so weit“, sagt sie.
Marion lässt mich nie warten. Sie ist so herzensgut.
„Jetzt sticht es“, sagt sie.
Und schon dämmert es. Das ist die beste Zeit. Der Drachen gähnt noch einmal, dann legt er sich nieder, ganz müde, ganz erschöpft. Von nichts. Vom Warten.
Ich deute auf das Fenster, nur mit dem Finger, der Arm ist zu schwer.
„Ich darf Sie doch nicht aufsetzen, Herr Claasen.“ (mehr …)
by LiSe | 30. Nov. 2018 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Von Katrina Behrend Lesch
Ilaria ist sechzehn, als sie erfährt, dass ihr Vater Attilio Profeti eine Zweitfamilie unterhält, sie neben ihren zwei Brüdern noch einen Halbbruder hat. 25 Jahre später stellt sich ein junger Äthiopier als ihr Neffe vor, und aus dem Dunkel der Vergangenheit taucht ein weiterer Halbbruder, Shimetas Vater, auf. In dieser hintergründigen Familienaufstellung entwirft Francesca Melandri ein Porträt Italiens von Mussolini bis Berlusconi, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten bis in die Gegenwart. Melandri gelingt mit einer bildhaften poetischen Sprache, in Perspektivenwechseln und Zeitsprüngen, den Verwicklungen der handelnden Personen zu folgen und ihnen in ihrer Individualität nahe zu kommen. „Sangue giusto“ lautet der Originaltitel dieses fulminanten Romans, der deutsche greift auf Profetis Mantra zurück: Alle müssen sterben. „Alle, außer mir.“
Francesca Melandri
Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Roman, 608 Seiten
Wagenbach Berlin, 2018
26 Euro