Peter Bechers Roman über das Leben eines Schulfreunds

Von Michael Berwanger

Für jeden von uns ist das eigene Dasein das Besondere schlechthin, auch wenn es für alle anderen banal erscheinen mag. Für uns selbst haben sich unsere Höhen und Tiefen fest in das Gedächtnis – und mehr noch – in das Gefühl eingegraben. Aber wie erzählt man interessant von einem gewöhnlichen Leben?

Peter Becher hat in seinem Roman „Über den Dächern von Dachau“ eine außergewöhnliche Form gefunden, einem mitteleuropäischen Leben das Allgemeingültige und gleichzeitig das Besondere abzugewinnen. Ein 71 Jahre währendes Leben erzählt er an seinem Mitschüler Paul Bergmann entlang, den er nach der Schule aus den Augen verloren und in späten Jahren wiedergetroffen habe.

Paul wächst in Gauting auf, verbringt seine Freizeit als Pfadfinder in den Isarauen, geht nach dem Abitur mit einem Freund für eine Weile nach Paris, was für ihn zur prägenden Erfahrung wird. Paris lässt ihn Freiheiten erahnen, die in den 1960er Jahren in Deutschland noch unbekannt sind. Dennoch nimmt sein Leben nach seiner Rückkehr seinen vorgezeichneten Lauf. Nach Zivildienst in Dachau, Studium in München und Anstellung beim Goethe-Institut folgen Ehe, Kinder und Scheidung. Seine Karriere führt ihn nach Prag, New York, Sydney und zurück nach München. Das Privatleben bleibt holprig; Seine Beziehungen wechseln, er verliert seine Kinder aus den Augen, ein Versuch einer Wiederbelebung seiner Ehe scheitert. Erst in späteren Jahren wird sein Leben ruhiger.

Dieses unscheinbare Leben – wie es auch im Untertitel heißt – wird in einzelnen Schlaglichtern erzählt. Die Episoden wirken wie Kurzgeschichten, die sich aber chronologisch zu einem gesamten Erzählstrang verknüpfen. Becher verwendet viel Aufmerksamkeit für scheinbar unwichtige Details. Gekonnt beschreibt er Landschaften, Gerüche, Farben und Gefühle, die das Besondere von Augenblicken und Begegnungen erkennen lassen. Die Einzelgeschichten sind nicht spektakulär – es könnten Geschichten sein, die uns allen begegnen. Genau darin liegt aber das Besondere. In der Spiegelung des vermeintlich unscheinbaren Lebens eines Paul Bergmann – der möglicherweise das Alter Ego von Paul Becher ist – erkennen wir das Einzigartige unseres eigenen Lebens. Ein zarter, ruhiger Roman, der uns auf uns selbst zurückwirft.

Peter Becher:
Über den Dächern von Dachau
Roman, 208 Seiten
Volk Verlag München, 2026
22 Euro