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Eine im November 2025 erschienene „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 – 1945“ legt neue Erkenntnisse zum  Publikationsverhalten während des Dritten Reichs dar.

Von Michael Berwanger

Anfang April 1933 – im direkten Zusammenhang mit der Machtergreifung Hitlers – rief die „Deutsche Studentenschaft“, ein nationalistischer Zusammenschluss der deutschen Hochschulverbände, eine vierwöchige „Aktion wider den undeutschen Geist“ aus. Sie begann am 12. April 1933 mit der Bildung von „Kampfausschüssen“ und endete am 10. Mai desselben Jahres mit spektakulären öffentlichen Bücherverbrennungen in über 30 Universitätsstädten von Berlin über Dresden bis München. Viele Literat*innen wurden verfolgt, bekamen Berufsverbot, mussten fliehen oder begaben sich in die innere Emigration.

In welcher Form war danach noch deutschsprachige Literatur möglich?

„Die 14 Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Beginn der NS-Herrschaft in Deutschland waren eine Blütezeit der deutschsprachigen Literatur.“ So beginnt der Literaturprofessor Helmuth Kiesel seine Überlegungen in seinem neu erschienenen Band „Schreiben in finsteren Zeiten“. Der Erste Weltkrieg, die Revolution, Umbrüche hin zu demokratischen Strukturen erwiesen sich als fast „unerschöpfliche Generatoren“ für die Entwicklung der Literatur. Sowohl inhaltlich als auch ästhetisch waren neue Formen des Schreibens erprobt worden. Mit dem Erstarken totalitärer Strömungen Anfang der 1920er Jahre in Italien, Spanien, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern, sahen sich viele Literaten gedrängt öffentlich Stellung gegen „die Zumutungen der finsteren Zeit“ – so Bertolt Brecht – zu beziehen. Mit der Machtergreifung der NSDAP 1933 endete für viele Schreibenden die Möglichkeit zur Publikation.

Kiesel stellt fest, dass es trotz der Erschwernisse durch Zensur und Berufsverbot auch nach 1933 nicht an bedeutungsvollen Werken deutschsprachiger Literatur gemangelt habe. Viele davon seien im Exil entstanden, etliche aber auch „im Reich“, wie man damals sagte.

Die Reichsschrifttumskammer, eine der von Joseph Goebbels installierten Kulturkammern der NS-Zeit, zählte Ende der 1930er Jahre über 10.000 hauptamtliche Autor*innen, von denen „2.125 weiblichen Geschlechts“ waren. Hinzu kamen nebenberuflich tätige Schreibende, Gelegenheitsautor*innen und jene, die – wie der verbotene Erich Kästner – nicht Mitglieder der Reichsschrifttumskammer waren und daher offiziell auch nicht publizieren durften, aber dennoch literarisch tätig waren, teils unter Decknamen, teils in Kooperation mit ausländischen Verlagen.

Während Thomas Mann nur die Exilliteratur als „wirklich nennenswerte literarische Äußerungen“ betrachtete, werden heute auch viele Schriften, die „im Reich“ entstanden sind, als historisch und ästhetisch bedeutend gewertet. Viele Literaturschaffende des deutschsprachigen Raums (Schweiz, Sudetenland etc.) konnten und wollten auf den großen Buchmarkt im Deutschen Reich nicht verzichten, manche versuchten sich mit unverdächtigen historischen Stoffen der Zensur zu entziehen und einige wurden von den Machthabern zumindest zeitweise als ideologisch nahestehend erachtet wie Emil Strauß, Heimito von Doderer oder Ernst Jünger.

Allerdings bedienten sich die Literaturschaffenden nach 1933 einer „gebremsten Modernität“. In der Entwicklung
der lyrischen, dramatischen und epischen Formen gab es zwischen 1918 und 1933 eine Fülle von innovativen Vorstößen, man denke nur an Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ oder Bertolt Brechts episches Theater. Aber schon 1930 setzte eine traditionalistische Wende ein, eine Abkehr von kühnen und manchmal schwer nachvollziehbaren avantgardistischen Ausdrucksweisen zugunsten einfacherer und historisch vertrauter Bauformen und Diktionen. Hitlers „Kulturreden“ und die Kampagnen gegen die „entartete Kunst“ besiegelten politisch ab 1933 diese Wende. Auch die Debatten der Exilliteraten – speziell in der sozialistischen „Moskauer Fraktion“ –, in denen Expressionismus und Formalismus als „dekadent“ und „konterrevolutionär“ diskutiert wurden, behinderten und verdrängten avantgardistisches Schreiben. Darüber hinaus fehlte dafür im Exil wie auch „im Reich“ eine hinreichend breite Käuferschicht.

Für alle literarisch Tätigen stellte sich auch die Frage, welche Haltung sie zum Regime einnehmen sollten. Die im Exil Weilenden wurden früher oder später gedrängt, sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus auszusprechen. Während Personen wie z. B. Hermann Hesse und Kuno Fiedler es ablehnten, kämpferisch Partei ergreifen zu sollen, sah eine große Zahl von Autor*innen dies anders. Mehr als je zuvor wurde Literatur nicht nur als Reflexionsmedium über das Leben betrachtet, sondern als kämpferische Waffe zur politischen Gestaltung. Unter diesen Umständen wurden Autor*innen immer stärker in die politischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Die Schreibenden litten unter den Umständen, engagierten sich gegen sie, beklagten sich in ihren Werken und versuchten sie mit ihren Texten voranzutreiben – und oft alles gleichzeitig.

Es gab Panoramaromane wie Lion Feuchtwangers „Exil“, scharf gezeichnete Novellen wie Stefan Andres’ „Wir sind Utopia“, offene Gräuelberichte wie Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“ und getarnte Kritik wie in Ernst Jüngers Erzählung „Auf den Marmorklippen“. Es gab ausufernde Führerhymnen und Schmähgedichte, Lobpreisungen über den Aufstieg des NS-Staates, Texte über den Krieg, die ersten Siege, die Niederlagen und bald auch erste Berichte über den Holocaust. Und es gab Bücher über das mühselige Leben im Exil und den fortwährenden Überlebenskampf in der Diktatur.

Zusammenfassend schreibt Helmuth Kiesel: „Das Ausmaß an blinder und oft fanatischer Begeisterung, das sich in der Mobilisierungsliteratur findet, ist verblüffend und abstoßend, die Fülle des Leids dessen man in Zeitromanen, Dramen und Gedichten ansichtig wird, ist erschütternd und niederdrückend. Furchtbarer aber ist das immer wieder sich aufdrängende Bewusstsein der Tatsache, dass das, wovon wir lesen, für Millionen von Menschen nicht Literatur war, sondern todbringende Wirklichkeit.

Helmuth Kiesel:
Schreiben in finsteren Zeiten – Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 – 1945,
Gebundene Ausgabe, 1.392 Seiten,
C.H.Beck Verlag, München 2025
68 Euro