by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Kolumne
Der Dichter mag dabei noch gar nichts Schlimmes denken, das Schlimme kommt ja dennoch über ihn. Er bummelt durch Bücher, geht eben mal Milch holen oder feilt an einer Ballade – schon wirft der Krieg ihn mit Gewalt aus seinem Leben. Bei Goethe (43, ein Sohn) jedenfalls war das 1792 so, als sein Herzog, Freund und Sponsor ihn an die Front nach Frankreich rief (alles sah nach schnellem Sieg aus und endete im Desaster). Oder bei Alfred Döblin, der (124 Jahre später) als Arzt und Dichter zerfetzte Beine absägen durfte, eiternde Wunden versorgen. Oder bei Heimito von Doderer, der ab 1916 als russischer Gefangener vier Jahre in sibirischen Lagern zubrachte und dort den Entschluss fasste, Schriftsteller zu werden. (mehr …)
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Lyrische Kostprobe
spiel mir das lied
vom schafottschaf blut zerstäubt
als himbeerpulver am abendhimmel über dem ehrenmal
darunter die doldenskelette des bärenklaus verkrallt
ins graue leuchtender taubendreck wie grobe
brocken von feindschnee auf bronze sing mir
von helden + herkunft ein lied das trügt bis es trägt
deiner ahnen gewicht ich hab nur das malmen
des kiefers geerbt den man meinem großvater
wegschoss ins russische jede wortformung seitdem
ein phantom schmerz doch sah ich dich moskau + deine
aufschneiende schönheit die flocken so zärtlich
hebt niemand sie auf mit den wimpern
Axel Görlach
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Vermischtes
Erika Mann und ihre „Pfeffermühle“ / Der digitalisierte Nachlass in der Monacensia
Von Ina Kuegler
1.034 Mal stand sie auf der Bühne, dann war Schluss. Die letzte Station sollte 1937 New York sein, die erste war 1933 in München. Am 1. Januar hob Erika Mann (1905-1969) zusammen mit ihrem Bruder Klaus das politisch-literarische Kabarett „Die Pfeffermühle“ aus der Taufe und prägte es jahrelang. Die älteste Tochter des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann glänzte als Conférencière, als Schauspielerin, Sängerin, Texterin. Heute liegen Dokumente zur „Mühle“ in der Monacensia: 114 sind es – nur ein Bruchteil von insgesamt 6.167 Schriftstücken, dem kompletten, mittlerweile digitalisierten Erika-Mann-Nachlass. (mehr …)
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Vermischtes
Die Internationale Jugendbibliothek empfiehlt für Juni diese beiden Neuerscheinungen:
Franziska Biermann: Jacky Marrone rettet die drei kleinen Schweinchen
dtv
Kaum hat Jacky Marrone, findiger Fuchs und frisch gebackener Privatdetektiv, Aurelia, das wertvollste Huhn der Welt, sicher zurück in den Stall gebracht, wartet auch schon der nächste Auftrag auf ihn: Ein schwarzes Phantom treibt in der Stadt sein Unwesen und bedroht die drei kleinen Schweinchen. Mit Sprühseil, Schrumpftropfen und den superneuen Lichtnetz-Handschellen rückt der beste Schnüffler aller Zeiten dem Unbekannten zu Leibe. Ein wahres Feuerwerk an witzigen Einfällen in Text und Bild – auch für Lesemuffel. (mehr …)
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Kurzgeschichte
Von Sven Heuchert
Ludwig Bürling hatte das Paar schon eine ganze Weile beobachtet. Anfangs waren sie durch die Abteilung mit den Kinderwagen geschlendert. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie redeten nicht viel miteinander, warfen sich hin und wieder Blicke zu. Schließlich blieben sie vor einem der Betten stehen. In all den Jahren hatte Bürling gelernt, nichts zu überstürzen. Also tat er so, als notiere er etwas in seine Kladde. Er wartete ab, bis der Mann sich bückte, um nach dem Preisanhänger zu suchen. Dann steckte er den Kugelschreiber in die Hemdtasche und ging zu ihnen. (mehr …)
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
„… ich habe Lust zu schreiben …“
Anne Franks Tagebuch gilt als das Dokument gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes während des Nationalsozialismus und ist aus unserem kollektiven Bewusstsein nicht mehr heraus zu dividieren. Das Mädchen führte ihr Tagebuch ab ihrem 13. Geburtstag im Juni 1942 bis zur Verhaftung Anfang August 1944 durch die SS. Die Aufzeichnungen wurden gerettet, 1950 veröffentlicht und zu einem Welterfolg. Viele Jahre als Zeitdokument eingeschätzt, verkannte man ihren literarischen Anspruch, zumal mehrere Versionen vermischt worden waren. (mehr …)
by LiSe | 4. Juni 2019 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Günther Gerstenbergs Anmerkungen zum Umsturz und den Räterepubliken 1918/19
Von Bernd Zabel
Der Schriftsteller, Historiker und Künstler Günther Gerstenberg ist in München kein Unbekannter. Als Angehöriger der 68er Generation war er in den 80er Jahren an der Gründung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung beteiligt und arbeitet an dem neueren Projekt „Protest in München von 1945 bis in die Gegenwart“ mit. Sein Buch über die Räterepublik ist keine durchgehende Darstellung, es versammelt Aufsätze zu verschiedenen Aspekten der Revolution, darunter auch Kapitel zur Situation der Frauen, zur Rolle der Kirche und zur Spiegelung der Ereignisse in der Karikatur. (mehr …)
by LiSe | 29. Apr. 2019 | Blog, Titelgeschichte
Vor hundert Jahren eröffnete Circus Krone nicht nur mit Menschen Tieren Sensationen, sondern auch mit Großkundgebungen von Adolf Hitler.
Von Ina Kuegler
Hundert Jahre hält diese Verbindung nun schon, hundert Jahre Circus Krone und München. Am 10. Mai 1919 wurde auf dem Marsfeld der Circus-Krone-Bau eröffnet, mit der Araber-Stute Puppchen und mit Assam, dem einzigen Elefanten, der auf den Hinterbeinen durch die Manege laufen konnte. Zuvor war der Circus jahrzehntelang mit Wagen, Sonderzügen und Zelten durch ganz Europa getourt, jetzt gab es einen Festbau, einen 4.000 Zuschauer umfassenden runden Saal, der als Versammlungsort auch in die (Literatur)Geschichte einging. Hier gastierten 1966 nicht nur die „Beatles“, hier hatte Adolf Hitler seine ersten großen Kundgebungen. (mehr …)