by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Kolumne
Zwei Füchse paaren sich vor dem Kanzleramt. Ja, haben die denn gar keinen Anstand? Das ist die falsche, weil anthropomorphisierende Frage. Tiere wandern in großer Zahl in den städtischen Raum ein, in Zeiten von Corona umso mehr. Die Biodiversität in den Städten, auch in den Großstädten übertrifft mittlerweile die im durch Monokulturen geprägten ländlichen Raum. Die Wildschweinrotte in der Vorstadt, der Biberbau im renaturierten Fluss, Waschbären, die sich aus Mülltonnen bedienen, sind nur besonders spektakuläre Beispiele. Und was sind das für gelbgraue in der Größe zwischen Wolf und Fuchs liegende Tiere? Goldschakale, deren Zahl in Europa inzwischen zehnmal höher als die der Wölfe ist.
Die Menschen haben auf einmal Zeit, einen Blick für diese Mitbewohner zu entwickeln, und sei es nur der Gesang der Amsel auf dem Balkongeländer, dem man auf einmal aufmerksam lauscht. Ganz zu schweigen von den Krähen, die zwar nicht singen können, dafür aber erstaunliche Intelligenz beweisen, wenn es um die Finessen der Nahrungssuche geht. Da bellt der Hund wütend, wenn ihm das von Frauchen zugedachte Leckerli von der blitzartig agierenden Krähe weggeschnappt wird. Die Unterschiede zwischen Wild- und Haustieren ebnen sich ein. So wird aus einem Außenbezirk der Stadt der pünktliche morgendliche Besuch eines Blaureihers gemeldet, der den reichlich gedeckten Frühstückstisch in Garten und Teich zu schätzen gelernt hat. (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Vermischtes
Seit 2008 hat Michael Stephan das Stadtarchiv München geleitet. Jetzt ist er, von Mai dieses Jahres an, im Ruhestand. Gleich in den ersten Tagen des neuen Lebensabschnitts war er so freundlich, den LiteraturSeiten einen „persönlichen Rückblick“ zukommen zu lassen, der ganz nebenbei auch über die Funktion und Arbeit des Archivs, das sich in Schwabing in der Winzererstraße 68 befindet, Auskunft gibt.
von Michael Stephan
Das Stadtarchiv München ist ein traditionell direkt beim Oberbürgermeister ressortierendes städtisches Amt und fungiert als „Gedächtnis der Stadt“. Das geschieht in erster Linie durch die ausgewählte Übernahme, Erschließung und Bereitstellung von Unterlagen der gesamten Stadtverwaltung seit dem Mittelalter (und ist deshalb heute eine gesetzlich vorgeschriebene kommunale Pflichtaufgabe) – dazu kommt eine aktive Sammlungstätigkeit von Unterlagen aus Privatbesitz; alles aneinandergereiht käme man auf eine Strecke von 20 Kilometern.
In meiner Amtszeit wurden alle bisher nur analogen Findmittel und Datenbanken zu den Hunderten von verschiedenen Beständen digitalisiert. Mit dem weltweiten Online-Zugang über die Homepage des Stadtarchivs hat sich eine Recherche spürbar erleichtert und ermöglicht zudem den direkten Zugriff auf mittlerweile 40.000 hinterlegte Digitalisate (Endprodukte einer Digitalisierung, d. Red.) von Archivalien, zumeist Fotos und Plakate. Und für die nur noch digital entstehenden Unterlagen konnte im Stadtarchiv ein digitales Langzeitarchiv in Betrieb genommen werden. (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Vermischtes
Wilfried Blecher, Illustrator und Preisträger des Deutschen Kinder- und Jugend-Literaturpreises, zum 90. Geburtstag
Von Katrin Diehl
Als im September 1949 die Internationale Jugendbibliothek in der Kaulbachstraße ein Zuhause gefunden hatte, da gab es für die Kinder kein Halten mehr. Sie stürmten die vom Krieg ein wenig ramponierte Villa, und was sie dort erwartete, war weitaus mehr als bloßes Lesefutter. Denn Jella Lepman, 1936 vor den Nazis von Deutschland nach England geflohen und von den Amerikanern als Leiterin der Bibliothek eingesetzt, dachte größer. Die von Sorge und Angst geprägten Kinder durften musizieren, durften unter der Anleitung von Erich Kästner Theater spielen, konnten sich in Sachen Demokratie üben, Gästen wie Erika Mann, Thornton Wilder oder Carl Zuckmayer lauschen oder sich ans Malen machen. Dafür standen im verwunschenen Garten, der bis an die Rückseite der Staatsbibliothek heran reichte, Staffeleien bereit. Einer der „Mallehrer“, die den Kindern mit Rat und Tat zur Seite standen, war Wilfried Blecher.
Wilfried Blecher lebt heute in einem Münchner Seniorenheim, und wenn man ihn anruft und fragt, wie es ihm in diesen seltsamen Zeiten so gehe, antwortet er sachlich bis heiter, „den Umständen entsprechend gut“. Sein 90. Geburtstag, den er in großer, schöner Runde Anfang Mai hatte feiern wollen, fand stark reduziert und den „Umständen entsprechend“ statt, und „wie gut, dass es das Telefon gibt“, an dem sich vom Heute und Gestern reden lässt. (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Vermischtes
Zeichnungen der Künstlerin Gabriella Rosenthal
Von Katrin Diehl
Das ist ein Bild: Im Innern des Stadtpalais, Brienner Straße 47, sitzt im ehrwürdigen „Rosenthal-Antiquariat“ zwischen hohen, dunklen Regalen ein junges Mädchen. Es ist vertieft, blättert in den alten Büchern, liest, sieht sich Abbildungen an. Sein Name ist Gabriella. Gabriella Rosenthal, Enkelin des Antiquariats-Besitzers Jacques Rosenthal, dessen Namen während der Weimarer Zeit für den Münchner Antiquariatshandel steht.
Manchmal hilft Gabriella dem Großvater bei dessen Arbeit, liest sich durch Literaturwelten, lernt über die Bücher Sprachen und Illustrationen kennen. Auch ihr Vater, Erwin, machte auf Antiquariate, eröffnet eine Filiale in Berlin, eine in Lugano … Gabriellas Mutter Margherita ist die Tochter des Florentiner Antiquars Leo Olschki … (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
Der Kreis in der Krise
oder das exzentrische Trägheitsmoment
In der Vergangenheit angekommen,
hab ich eine Flamme gesehn;
zwischen ihr und dem Meer
trag ich mit der Hand aufm Herz
Gefahrenwerte aus:
Ich hab die Zeit gestört;
in verschiednen Löchern bilden sich
Almkräuter oder Amokläufer. Jeoaoue,
der Elefant, der auf dem Rücken
liegt, gibt mir die Schuld dafür.
Im Unglück falschen Strömungsverhaltens
ists mir kalt um die Knochen
und ich zerbrösle am Schaltgriff:
was sich regnet
soll mich treffen.
Wolfgang Berends
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Neuer Krimi von Leonie Swann
Von Michael Berwanger
Es gibt sie noch, die liebevoll verstaubten Geschichten im Stil, von „Arsen und Spitzenhäubchen“. Erfreulich, dass auch heute noch junge Schriftsteller*innen sich aufraffen können, den Stil der alten englischen Kriminalkomödien aufzugreifen. (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Eine Graphic Novel über den Fußballer Oskar Rohr
Von Katrin Diehl
Es geht gleich in medias res. Vor allem für die Bayern. Die Bayern. Es ist nämlich „Ossi“ gewesen, der die am 12. Juni 1932 zur ersten Meisterschaft geschossen hat. In Nürnberg hat er gegen Eintracht Frankfurt vor 55.000 Zuschauern einen Elfer reingekriegt. Am Ende stand es dann 2:0. „Ossi“, das war Oskar Rohr, ein Mannheimer, den der Trainer Richard Dombi, der eigentlich Richard Kohn geheißen hat, bei seinem Wechsel vom VfR Mannheim zum FC Bayern kurzerhand mitgenommen hatte. Da traf der junge Mann dann bald mit Kurt Landauer, Präsident des Vereins, auch mit Walther Bensemann, Fußballpionier und Gründer der Fußballzeitung „Kicker“, zusammen. Und darum geht es in dieser ansprechenden Graphic Novel eben auch, zu zeigen, wie jüdisch die Anfänge des Fußballsports in Deutschland gewesen sind. Ossi Rohr, geboren 1912, ein Ausnahmetalent, ein Stürmerass, ein Toreschießer, trippelte sich mit unerwarteten Haken und einigem Tempo durch die deutsche Kata-strophengeschichte. Den grobstrichigen, flotten Panels zu folgen (Text: Julian Voloj, Zeichnungen: Marcin Podolec), heißt einem Leben zu folgen und das hat hier wirklich großen Unterhaltungswert. (mehr …)
by LiSe | 29. Mai 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Martina Borgers neuer Roman „Wir holen alles nach“
von Slávka Rude-Porubská
Es braucht keine weltweiten Pandemien, damit das Leben der Kleinfamilie Poschmann in der Münchner Innenstadt aus den Fugen gerät. Nein, der Alltag der alleinerziehenden Sina, Mutter des achtjährigen Elvis, ist derart eng getaktet und fragil ausbalanciert, dass selbst die kleinste Störung im Tages- und Wochenablauf einer Katastrophe gleichkommt. Und erst recht im Sommer, wenn Sinas Exmann David schon wieder einmal die vereinbarte Ferienaufteilung für Elvis in der letzten Minute platzen lässt. Aufgerieben zwischen den vom Werbeagentur-Chef ganz selbstverständlich geforderten Überstunden, emotionalen Schwankungen in ihrer neuen Beziehung zu dem arbeitssuchenden und mit seiner Alkoholsucht kämpfenden Torsten und Bedürfnissen ihres stillen, sensiblen Sohnes findet Sina Rettung in der akuten Notsituation bei Ellen, der freundlichen Rentnerin aus der Nachbarschaft. (mehr …)