[LiSe 04/19] Rezension: Ankommen im Gespräch, im Erzählen

Eine Anthologie mit Geschichten über Aufbrüche und Ankünfte

Von Slávka Rude-Porubská

Die Somalierin Amal versengt sich in der Zugtoilette die Fingerkuppen, damit sich die Spuren ihrer Irrfahrt durch Europa nicht über ihre Fingerabdrücke verfolgen lassen. Für den jungen Politikwissenschaftler ist der Umzug von Manchester an die Universität im norwegischen Bergen die nächste Station seiner internationalen Karriere, schließlich genießt er Freizügigkeit mitten im prosperierenden, vernetzten Europa. Beide Lebensläufe haben Eingang in die Anthologie „Wir sind hier. Geschichten über das Ankommen“ gefunden. Fridolin Schley erzählt von Amal, die sich von außen, von den europäischen Rändern – über die Ukraine, Slowakei und Österreich – dem sicheren München annähert. Ob sie wirklich dort ankommt? Ob sie wirklich der Gewalt der Terrormiliz in ihrem Heimatland entkommt, wenn sie ihr doch, in abgewandelter Form, an den Grenzübergängen und in Asyllagern begegnet? Georg Picot hingegen beschreibt den wiederholten, scheinbar mühelosen Arbeitsortwechsel als Wettbewerbsvorteil für akademische Nomaden innerhalb des globalen Wissenschaftsbetriebs. (mehr …)

[LiSe 03/19] Ein offenes Haus für junges Publikum

1926 als Kino erbaut, nach dem Krieg kurzzeitig Operettenbühne, Ende der 60er die Disko „Blow up“, seit 1977 Spielstätte des Theaters der Jugend, ist die SCHAUBURG heute ein offenes Haus, in dem ein junges Publikum Theater in vielfältigen Formen erlebt.

Von Stefanie Bürgers

Eine Burg, trutzig, gar verstaubt? Keineswegs. „Mit jeder Inszenierung suchen wir, der Komplexität, der Lebensrealität unseres Publikums gerecht zu werden“, so Dramaturgin Anne Richter. Während es in der Kleinen Burg unmittelbare Theaterbegegnungen für die jüngsten Zuschauer gibt, wie z.B. Holperdiestolper (Ensembleproduktion), Peter und der Wolf (von Thomas Holländer und Markus Reyhani, nach Prokofiew), bietet die Große Burg mit ihrer räumlichen Mobilität eine ideale Spielstätte für immer andere, neue Sitz- und Sehweisen. Das war nicht immer so. (mehr …)

[LiSe 03/19] Kolumne: Lesen – und jauchzen!

Endlich zeigt sich Licht in diesem über die Jahre angewachsenen und inzwischen völlig unübersichtlichen Dickicht von 100.000 neuen Titeln pro Jahr. Wie soll man sich da zurechtfinden? Selbst die Bestseller sind zu viele geworden. Und außerdem: da sind ja Titel dabei, die – äh – also es ist halt die Wahrheit: die muss man nicht unbedingt gelesen haben. Nun aber die erfreuliche Entwicklung: ein neuer Autorentyp und eine zeitgemäße Vermarktung weisen uns den Weg durch den Titeldschungel. Die neuen Schriftsteller heben sich angenehm ab von diesen pseudointellektuellen Profischreibern, die – das muss mal konstatiert werden – nichts anderes gelernt haben, als in mehr oder weniger skurriler Art und Weise ihre Weltsicht darzulegen. Manche beschreiben nur ihr langweiliges Schriftstellerdasein. Sonst haben die nix vorzuweisen.  (mehr …)

[LiSe 03/19] Lyrische Kostprobe

Losgebunden

Da hast du die Felder gesehen, von weitem,
um Basra, lauter verlassene.

Was hier starb, legt keine Spur und
flog nicht mit Signalen als Nachricht.
Rufe auf dem Markt, zu hören die
Stille der Händler mit ihren alten Figuren
aus Ton und Kupfer. (mehr …)

[LiSe 03/19] Junge Literatur: The winner is …

Die PULS-Lesereihe 2019 des Bayerischen Rundfunks hat ihren Sieger im „Bahnwärter Thiel“ (Schlachthof-Quartier) ermittelt. Zum Motto „Habt ihr keine anderen Probleme“ präsentierten fünf Autor*innen unter 30 Jahren aus ganz Bayern vor etwa 250 Zuhörern zwischen Schiffswracks und Jahrmarktschaukeln im großen Finale ihre Storys. Dazwischen donnerte die bayerische Rapgruppe Bavarian Squad ihre Verse, die viele Besucher auswendig mitsangen. Zum Sieger wählte das jugendliche Publikum den Münchner Max Slowioczek, 28, dessen Text Männer-Freundschaft, Flüchtlingskrise und Fußball geschickt montiert und das Recht auf Privatheit betont. Er wird mit einer Reise zur Leipziger Buchmesse und einem „exklusiven Schreibworkshop“ am Deutschen Literaturinstitut belohnt. Zu hören sind alle Texte als Podcast unter www.br.de. Im kommenden Dezember folgt die nächste Ausschreibung!

Wolfram Hirche

[LiSe 03/19] Literarische Archive (Folge 2): Ich fühle mich so am Ende, dass es mir geradezu gut geht

Herbert Achternbuschs literarisches Archiv in der Monacensia

Von Katrina Behrend Lesch

Sätze wie diesen hat er drauf, der bajuwarische Universalkünstler Herbert Achternbusch. Da muss man erstmal lachen, verliert sich aber dann in der dissonanten Melancholie, die jedem Komiker eigen ist. Achternbusch ist ein weiser Sprachspieler, ein Wort- und Witz-Jongleur, der mit seinem Widerborst und Eigenwillen alle Grenzen sprengt oder, wie er selbst sagt, „zerdeppert“ und dabei den „Deppen“ bewusst in Kauf nimmt. Bekannt ist er ja vor allem durch seine Filme, aber die kamen später. Angefangen hat er als Bildender Künstler, dann verlegte er sich auf Anraten von Kollegen und Freunden wie Hans Erich Nossack, Günter Eich und Martin Walser aufs Schreiben. Vieles hat dieser kreative Geist zu Papier gebracht, dieser unermüdlich kreative Geist, muss man sagen, Lyrik und Prosa und natürlich die Drehbücher für seine Filme. 2005 kaufte die Monacensia Achternbuschs literarisches Archiv an, und wer will, kann Einsicht nehmen in Original–Typoskripte, in Skizzen, illustrierte Briefe oder Aquarelle und Kleinplastiken bewundern wie zum Beispiel einen aus gebrauchten Teebeuteln geformten Buddha.  (mehr …)

[LiSe 03/19] 13. Münchner Bücherschau junior

Vom 16. bis 24. März heißt es wieder „Neugierig auf die Welt“ und auf 5.000 Bücher, die zum Schmökern und Ausprobieren, zum Entdecken und Erkunden für Kinder und ihre Eltern im Münchner Stadtmuseum bereitstehen. Begleitet wird die Bücherschau von zahlreichen Lesungen und Workshops, von Exkursionen und Vorlesestunden in vielen Sprachen, dazu spannenden Begegnungen mit Autorinnen und Autoren, die sich all diese tollen Geschichten ausgedacht haben. „Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.“ Diesem Satz von Aldous Huxley kann man nur zustimmen. RED

Infos unter www.muenchner-buecherschau-junior.de

[LiSe 03/19] Buchtipps aus erster Hand

Die Buchhandlung Lehmkuhl empfiehlt für März diese beiden Neuerscheinungen:

C. Boyle: Licht
Hanser Verlag

In schöner Regelmäßigkeit schreibt T. C. Boyle Romane, auf die sein Publikum mit großer Empathie wartet. Nun legt er ein Buch vor, das eloquent und einfühlsam die Geschichte des amerikanischen Psychologieprofessors Timothy Leary erzählt, der Mitte der 60er Jahre erste Selbstversuche mit dem neuen Rauschmittel LSD macht. Leary war ein Menschenfänger. Er zog viele Leute in seinen Bann, und wir sind hautnah dabei, wenn die bewußtseinserweiternde Droge allmählich den Alltag übernimmt, den sie dann so zerstört wie Beziehungen und Familien. Ein wahrer Lese-Trip! (mehr …)