[LiSe 06/15] Stefan Zweig im Literaturhaus

Noch bis Ende August zeigt das Literaturhaus München die Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig – Abschied von Europa“.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) verbrachte die letzten acht Jahre seines Lebens im Exil. Im Februar 1934 emigrierte er nach England, im Juni 1940 verließ er mit seiner Ehefrau Lotte Europa. Sie hielten sich in den USA und in Brasilien auf, wo sie sich schließlich Ende Februar 1942 gemeinsam das Leben nahmen. Die Ausstellung zeigt Leben und Werk Stefan Zweigs aus dem Blickwinkel des Exils. Von herausragender Bedeutung sind dabei zwei Texte, die erst in den letzten Jahren des Exils entstanden sind: In seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ beschwört Zweig das alte Europa; in der „Schachnovelle“ gestaltet er hingegen jenes Grauen, das den Untergang Europas besiegelt hat. Diese beiden Texte stehen im Zentrum der Ausstellung, in der auch Zweigs Manuskripte und Typoskripte gezeigt werden. Die Perspektive des Exils charakterisiert auch die Inszenierung. Die großbürgerliche Welt des Fin de Siècle, die Zweig in seiner Autobiographie gewürdigt hat, ist zerstört. Aus dem Luxus der mondänen Grand Hotels einer Welt von Gestern wächst, am Beispiel des Wiener Hotel Metropol wird es sichtbar, der faschistische Terror. In der „Schachnovelle“ setzt Stefan Zweig den in diesem Hotel Gedemütigten ein Denkmal. Mit Zweigs Abschied ins Exil musste auch seine berühmte Autographensammlung aufgelöst werden. Einige ausgewählte Stücke daraus, sie stammen von zeitgenössischen Autoren aus Österreich, Deutschland, Frankreich und der Sowjetunion, sind in dieser Ausstellung zu sehen.
O.H.

Öffnungszeiten:
Mo-Fr 11-19 Uhr,
Sa/So/Feiertage 10-18 Uhr.
Eintritt: 5/3 €

Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München
www.literaturhaus-muenchen.de

[LiSe 06/15] Endlich Eigenes Lesen!

Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne mal öffentlich vortragen wollen.

Jeden Freitag von 19:30 bis 22 Uhr lesen in Haidhausen, Milchstrasse 4, direkt hinterm Gasteig Autorinnen und Autoren und bekommen im Gespräch mit dem Publikum direkte Resonanz. Wer lesen möchte, trägt sich vorher im Lesekalender ein.

Haidhauser Werkstattpreis: Am ersten Freitag im Monat kann jeder Autor einen eigenen 10-minütigen Text lesen, keine Anmeldung erforderlich. Das Publikum wählt den besten Beitrag; er nimmt am Finale im Gasteig teil, das einmal im Jahr stattfindet. Der Sieger wird mit Wein und Preisgeld belohnt!

[LiSe 06/15] Zwei Sieger beim Werkstattpreis

Am 18. April war es endlich wieder so weit: Im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig fand die Endausscheidung für den 22. Haidhauser Werkstattpreis statt. Vor dicht gefüllten Sitzreihen präsentierten die GewinnerInnen der vergangenen zwölf Vorentscheidungen dem aufmerksamen Publikum ihre Texte. Von diesem gab es viel Lob und kaum kritische Anmerkungen. Den ersten Platz teilte sich die aus München stammende junge Poesiezauberin Franziska Ruprecht mit Wolfram Hirche. Dieser Autor beliebter ironischer/selbstironischer Texte (auch in den LiteraturSeiten München) war vielen im Publikum wohlbekannt, da er bereits 2006 den Werkstattpreis gewonnen hat. Auch diesmal brillierte er mit einer satirischen Erzählung über zwei langjährig befreundete Männer, die im Alter regelmäßig damit drohen, wieder mit dem Schreiben bzw. mit dem Violinspiel zu beginnen. Franziska Ruprecht begeisterte mit schwerelosen Gedichten über die Liebe .Nach der Wahl ergab sich folgende Reihung: Platz 1: Franziska Ruprecht mit Gedichten und Wolfram Hirche mit „Sehr alte Freunde“. Platz 3: Maria Wargin mit Lyrik. Platz 4: Miriam Nonnenmacher mit „Heimatliebe“. Platz 5: Dominik Steiner mit „München, 82 km“. Platz 6: Hans-Karl Fischer mit Mundartgedichten. Platz 7: Ursula Dimper mit „Wann kommt Niko?“. Platz 8: Peter Asmodai mit „Leonie“. Platz 9: Veronica Rummel-Damian mit Gedichten.

[LiSe 06/15] Lyrische Kostprobe: Es dauert.

Den Fels, der im Wohnzimmer liegt
versuch ich zu übersehen.
Täglich stolpere ich dann doch
über das Bedauern.
Stoß mich mit den Finger-
nägeln wieder ab.

Abends bürste ich dann
den Staub von mir
weg unter fließend Wasser
und begreif wie meine Hände
mit jedem Gramm
stärker werden.

von Franziska Ruprecht

Gewinnerin des 22. Haidhauser Werkstattpreises München
Gedicht aus dem Band „Meer-Maid“, 140 S., Wolfbach Verlag Zürich.
Bei der Autorin und im Buchhandel erhältlich. ISBN: 9783905910612

[LiSe 06/15] Kurzgeschichte: Einer ohne Steuermann

Könnte Süden auch Norden sein? Ach Schätzchen, sagte Corinna, und was machen wir denn dort, im Süden, was sollen wir da anfangen, wovon leben wir? Nenn mich nicht Schätzchen, sagte Elfie, warum bist du wieder so ekelhaft vernünftig, so nordisch, Vernunft ist Norden, wir machen, wozu wir Lust haben, wir malen, wir züchten Blumen, wir halten eine Ziege, wir brauchen dort nicht viel zum Leben, das ist doch das Gute am Süden, keine Warenhäuser,
keine Autos, keine Männer, keine Heizung. Ein paar Balkone weiter ging ein Glas zu Bruch, und eine Frauenstimme, angetrunken mit erzwungener Strenge, sagte: du gehst jetzt ins Bett, das ist mein letztes Wort. Ein Kind maulte, und eine Männerstimme trompetete: du tust, was Mammi dir sagt. Das Kind schrie. Ohrfeigen fetzten. Die Männerstimme tobte immer lauter und das Kind schrie dagegen an. Wurden Messer gezückt? Noch ein Glas ging zu Bruch.

Hast du einen Joint da? sagte Corinna, sie stellte ihre Stimme auf gelangweilt. Wie bitte, sagte Elfie, ich denke, du rauchst nicht mehr, ich meine: wir rauchen nicht mehr, und Corinna sagte: heute ist eine Ausnahme. Wenn das so ist, sagte Elfie, dann mach ich uns einen.

Sie stand auf und ging in die Küche.  Corinna trank Wasser. Das war der Beweis: Elfie hatte Gras. Morgen ist dein Zimmer dran, Liebe. Wenn sie Gras hatte, weiß der Teufel, was sie sonst alles hatte. Und wieder der Scheißgedanke, alt zu sein, zu zerfallen, zu vergehen. Kapverdische Inseln, Kleinkinderkack. Sie hatte keine Ahnung, wo diese Inseln lagen. Schattenlose Einöden, irgendwo im Meer. Inseln, warum immer Inseln, Inseln sind eigentlich das letzte. Warum sagst du nicht, Süden ist auch auf einem Küchenbalkon, Liebe, Süden ist bei dir, mit dir, Süden ist die Landschaft zwischen deinen Schenkeln und meinen, du bist der Süden, du und ich, wir. Sag es, und ich gehe mit dir, wohin du willst, wir fliegen in die Galaxis, wir pilgern ins Igluland. Bin ich gekränkt? Nein, ich werde dir niemals Vorwürfe machen, alles, was du willst, wohin du willst, auch auf diese Inseln. Nur bitte bald. In mir ist eine hohle Stelle, die dehnt sich rasch aus, die schreit nach Füllung.

Elfie kam und hielt die schmale weiße Tüte in der Hand, die kleine Schalmei, die Schalmei der glückseligen Träume. Der Stoff ist in der Dose mit der Aufschrift Vanillezucker, falls du mal suchst. Sie setzte sich und steckte den Joint an. Sie nahm zwei Züge und gab ihn Corinna, und Corinna dachte: was heißt falls du mal suchst? Du kommst doch mit auf die Kapverdischen Inseln, sagte Elfie, du hast doch hier nichts zu tun, und vielleicht können sie da noch einen Arzt brauchen. Corinna inhalierte den ersten Zug so tief und lange, daß sie fast vom Stuhl fiel, und hörte trotzdem nicht auf zu denken, das war das gute bei Haschisch: du denkst weiter, jedenfalls am Anfang, wenn auch immer schneller, und die Gedanken werden bunter. Sie dachte an die feste Stelle auf Lebenszeit, die Altersversorgung, sie dachte an die bessere Wohnung, an ein Haus mit Garten, nichts Riesiges, aber eine sichere Sache, und du könntest den ganzen Tag nur das tun, was dir Spaß macht, Liebe, ich werde für dich sorgen und dich lieben, bis daß.

Natürlich, sagte Corinna, natürlich komme ich mit, jederzeit überallhin. Sie reichte Elfie den Joint, und Elfie sagte, ich hatte schon Angst, du kommst nicht mit, du nimmst mich nicht ernst, trinken wir auf die Kapverdischen Inseln. Auf Bougainvillen im Dezember, sagte Corinna. Auf Bougainvillen immer, wo und wann, deine und meine Bougainvillen. Sie stießen an und tranken. Elfie sagte, Anfang Oktober geht’s los. Corinna stand auf und küßte sie über den Tisch hinweg auf beide Augen.

Sie rauchten abwechselnd, ziemlich schnell hintereinander, und ein paar Stockwerke unter ihnen hatte jemand eine Tangoplatte aufgelegt. Zwischen verquirltem Bandoneongeschörkel nölte eine Edelrauchstimme: Heute kann ich mit Schmerzen betrachten, was einst meine Träume erfüllte. Auch das noch, sagte Corinna und fing an zu lachen, sie lachte ziemlich hektisch: was einst meine Träume erfüllte, das ist gut, das ist gut, einst meine Träume. Elfie steckte den Joint, der inzwischen ausgegangen war, wieder an. Wir fahren nach Lissabon, sagte sie, da nehmen wir ein Schiff nach Südwesten, und dann sind wir frei, Liebe, wir sind wirklich frei, kannst du spüren, wie frei wir sind, spürst du’s …
Hans-Dieter Eberhard
(Auszug aus dem gleichnamigen Roman)

[LiSe 06/15] Rezension: Eine Kindheit im NS-Staat

Wenn ein Autor mit 88 Jahren seinen Debutroman vorlegt, wäre das allein schon eine Erwähnung wert. Wenn er es tut, um seinen Kameraden aus der Schulzeit, die den Zweiten Weltkrieg nicht überleben durften, ein Denkmal zu setzen, dann schon gleich zweimal.

Viktor Niedermayer ist im niederbayerischen Straubing zur Welt gekommen – 1926. In seinem soeben erschienenen Roman „Finsterland“ beschreibt er seine Kindheit während der Nazi-Herrschaft, also von 1933 bis nach dem Krieg, wo er sich in der amerikanischen Besatzungszone wiederfindet. Er beschreibt, wie in den Schlafzimmern neben den Heiligenbildern plötzlich Hitlerporträts auftauchen, wie Menschen mit jüdischen Namen scheinbar wegziehen, wie er wegen subversivem Unsinn aus der HJ fliegt und zur Pflicht-HJ muss, wo nur Spinner und Querulanten sind und seine Mutter ihn inständig bittet, sich doch wieder einer normalen NS-Organisation anzuschließen, weil sie Repressalien fürchtet. Er beschreibt, wie er – als bergsportbegeisterter Jugendlicher – dann doch eine eigene Hitlerjugend bekommt, die „HJ-Bergfahrtengruppe“, wo er allerdings zu spät begreift, dass seine Gruppe nur der Vorbereitung zum Partisanenkrieg im Alpenraum dient.

Wie gesagt, er beschreibt. Es ist ein knapper, wenig erzählhafter Berichtstil, der den Autor distanziert auf die Zeit blicken lässt. Niedermayer gelingt es, dass seine Texte nicht zu einer Ansammlung von Anekdoten verkommen. Die Genauigkeit der Beschreibungen von Orten, Kameraden, Befehlshabern und Situationen schärfen uns Lesern den Blick auf die NS-Zeit, von der wir dachten, schon alles gelesen zu haben. Bei Viktor Niedermayer ist diese Zeit nochmal neu und vertraut zugleich und dazu sehr irritierend, denn er lässt uns spüren, dass das Hitler-Regime auch Faszinationen bereit gehalten hat.
Michael Berwanger

Viktor Niedermayer
Finsterland
Roman, 206 Seiten gebunden
Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2015
18,90 Euro

[LiSe 06/15] Rezension: Dingwelt, kaputt

Die Arbeitswelt ist nicht gerade das Lieblingskind der Literatur, schon gar nicht der deutschen, und so ist es schon bemerkenswert, dass die 30jährige Münchner Autorin Lilian Loke sich in ihrem Debutroman „Gold in den Straßen“ direkt auf dieses Thema stürzt. Sie greift sich den Immobilien-Maklerjob heraus, der ohnehin in der Öffentlichkeit nicht den besten Ruf genießt, hat hier offenbar gründlich recherchiert und breitet genüsslich seine Licht- und Schattenseiten vor uns aus. Die schnelle Gewinnchance, das ständige Lauern auf Erfolg, den Wettbewerb unter missgünstigen Kollegen, den Absturz. Die Dialoge zwischen Meyer, der Hauptfigur des Romans und seinen Rivalen sowie seinem Chef bilden den Kern und sind die Stärke dieses Debuts. Dass Meyer aus kleinen Verhältnissen kommt, mit seinem Vater Spannungen hat und neben der Arbeit , die ihn auffrisst, auch noch eine Freundin laufen hat, spielt nur am Rand eine Rolle. Zumal die Frau seiner Wahl über die Herzenswärme einer Tiefkühltruhe verfügt. Meyer findet allenfalls in Gesprächen mit einem blinden Kollegen Verständnis und Empathie, während sich die Beziehung zu seiner Liebsten vor allem zwischen edlem Mobiliar und erlesenen Klamotten abspielt – auch hier wurden die Marken von der Autorin gründlich recherchiert.

Die Botschaft ist eindeutig: Sowohl in der Arbeit als auch in menschlichen Beziehungen sind die Menschen sich selbst fremd, herrschen Gewinnmaximierung, Machtkalkül, Kälte. Weder Humor noch Ironie oder Eros spielen auf den 350 Seiten eine Rolle – es geht ernst zu , und dieser Ernst wird uns in knappen Wiederholungen eingehämmert: „Meyer lacht empört auf…“, „Meyer hält inne“, „Meyer spürt“, „Meyer fragt sich“ – die Monotonie des Stils mag ja der Monotonie des Daseins entsprechen, aber dennoch weiß der Leser dann eben doch nach wenigen Seiten Bescheid und fragt sich, warum er noch weiter lesen sollte. Die Figur des Meyer, um die sich alles dreht, bleibt leblos. Er möchte Karriere machen einerseits, aber doch am liebsten nur mit Immobilien, die ihn überzeugen. Er spürt immerhin, dass es da einen Widerspruch gibt. Die Autorin lässt ihn mehrmals „kotzen“. Seine Hände sind oft „schweißig“. Aber seine Gefühle werden nicht gezeigt –mit Ausnahme der Dinge, die er immer wieder „Scheiße“ findet. Und das macht es für den Leser schwer, sich zu identifizieren, mit Meyer mitzufühlen, Interesse an ihm zu haben. Mag ja sein, die Autorin weist diese Möglichkeit absichtlich zurück – aber warum sollte man dann ihr Buch lesen? Um Fakten über das Desaster der Arbeitswelt und der menschlichen Beziehungen zu erfahren, kann ich Zeitung lesen oder ein Fachbuch. Diesem Debut fehlt leider die Lebendigkeit, es liest sich etwas mühsam.
Wolfram Hirche

Lilian Loke
Gold in den Straßen
Roman, 351 Seiten
Hoffmann und Campe,Hamburg, 2015
22 Euro

22. Haidhauser Werkstattpreis

Am 18. April 2015 war es endlich wieder so weit. Im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig fand die Endausscheidung für den 22. Haidhauser Werkstattpreis statt.
Vor dicht gefüllten Sitzreihen präsentierten die Gewinner der vergangenen 12 Vorentscheidungen dem aufmerksamen Publikum ihre Texte. Von diesem gab es viel Lob und kaum kritische Anmerkungen.
Den ersten Platz teilte sich die aus München stammende junge Poesiezauberin Franziska Ruprecht mit Wolfram Hirche. Dieser Autor beliebter ironischer/selbstironischer Texte war vielen im Publikum wohlbekannt, da er bereits 2006 den Werkstattpreis gewonnen hat. Auch diesmal brillierte er mit einer satirischen Erzählung über zwei langjährig befreundete Männer, die im Alter regelmäßig damit drohen, wieder mit dem Schreiben bzw. mit dem Violinspiel zu beginnen. Franziska Ruprecht begeisterte mit schwerelosen Gedichten über die Liebe
Nach der Wahl ergab sich folgende Platzierung:
Platz 1: Franziska Ruprecht mit Gedichten und Wolfram Hirche mit „Sehr alte Freunde“.
Platz 3: Maria Wargin mit Lyrik.
Platz 4: Miriam Nonnenmacher mit „Heimatliebe“.
Platz 5: Dominik Steiner mit „München, 82 km“.
Platz 6: Hans-Karl Fischer mit Mundartgedichten.
Platz 7: Ursula Dimper mit „Wann kommt Niko?“.
Platz 8: Peter Asmodai mit „Leonie“.
Platz 9: Veronica Rummel-Damian mit Gedichten.