Von Stefania Kuszlik

die stadt der Wörter, die uns Besuchern nur einen intuitiven Zugang gewährt, speist sich aus den Wortfeldern, die sich vor den Toren der Stadt befinden. Die in den vier Himmelsrichtungen liegenden Felder unterliegen dem Ministerium für Editionen.

Begeben wir uns auf das Forschungsfeld im Osten. Hier ackern mit dem Sonnenlauf unterjochte Cyborgs und Bots, ziehen Furchen und lassen die Saat auf fruchtbaren Boden fallen. Die Saat schläft zugedeckt mit schwarzer Erde vier Monate lang, bis die Wörter erwachen und aus ihren animalischen Wurzeln erwachsen.

Im Norden stehen die Treibhäuser der Stadt. Die Linguisten der Fremdwörterabteilung beobachten hier die importierten Wörter, prüfen sie auf Brauchbarkeit und Verständlichkeit. Mängelexemplare mit Nullaussage werden ausgemustert. Werfen wir einen Blick auf die Integrationsarbeit der Fachleute, die nach einem städtischen Algorithmus biologisches Wortmaterial dekonstruieren und transformieren.

Im Süden der Stadt reichen die Felder bis zum Horizont. Hier werden die inflationär gebrauchten Wörter in Monokulturen angelegt. Satelliten aus dem All liefern Daten über ihre Vitalität und die maximalen Erträge. Wenn die Wörter zu voller Reife gelangen, bestimmen die Experten den Zeitpunkt der Ernte. Hierzu schicken sie heftige Winde mit 44 Stundenkilometer Geschwindigkeit durch die Felder und lauschen auf das erzeugte Wörtergeraune. Sind deutliche Wörter vernehmbar, wird abgeerntet.

Die Ernte aus den Feldern im Osten wird einem komplexen Verfahren unterzogen. Zuerst werden die abgedroschenen Worte und Worthülsen herausgefiltert, dann das Gewicht der Worte bestimmt. Edle, schöne, kostbare und brillante Worte kommen auf die goldene Waage, um danach in den hochgesicherten Tresoren der Stadt gebunkert zu werden. Das Ministerium achtet darauf, dass die Wörterspeicher der Stadt immer gefüllt sind. Die vollen Speicher, ausspioniert von ausländischen KI-Agenten, wecken immer wieder die Begehrlichkeiten feindlicher Städte.

Dann kommt es zum Kampf. Die vier Tore der Stadt werden geschlossen. Das Feld für die Kampfspiele im Westen der Stadt nach internationalen Standards hergerichtet. Im ministeriellen Drehbuch für die Schlacht heißt es diesmal, das Hauen und Seitenstechen ist in vier schnellen Sätzen zu erledigen. Auf der Stelle wird die unschlagbare Truppe mobilisiert, insbesondere die in der Kriegsrhetorik geschulten, verbal hochgerüsteten Spezialeinheiten; ebenso die Elite der Hieb- und Stichfesten, die mit scharfen Worten schießen, mit Worten, die bis ins Mark treffen.

Der Kampf beginnt. Mit heftigen Stichworten wird die Debatte eröffnet. Die Feinde sind irritiert, parieren aber elegant mit Schlagworten. Es kommt zu hitzigen Wortgefechten, zu einem verbalen Schlagabtausch ebenbürtiger Gegner. Im Nahkampf Wort versus Wort wird um jedes Wort gerungen. Jeder entreißt jedem das Wort, jeder fällt jedem ins Wort. Das Duell eskaliert. Worte mit Sprengkraft sorgen für eine Bombenstimmung im Feld. Buchstaben fliegen durch die Luft. Weiter geht es Schlag auf Schlag: Erstschlag, Fehlschlag, Vorschlag, Zuschlag und ein Tiefschlag, der sitzt. Die Gegner sind überwältigt, geraten in Wortnot und aus dem Fokus. Kein Hau sitzt mehr. Doch sie bringen sich noch einmal in Stellung. In einem Frontalangriff schießen sie unzählige Salven geflügelter, giftiger Worte ab. Doch das rettet sie nicht. Spezialkräfte neutralisieren die Geflügelten noch in der Luft, treffen gleichzeitig mit Querschüssen und Schnellschüssen aus der Hüfte gezielt auf die wunden Punkte der Feinde. Diese verlieren viele Worte. Ihre Formatierung zerfällt. Sie werden einsilbig, dann versiegen die Worte. Sie gehen in die Knie. Strecken ihre verbalen Waffen. Ihre Gedanken werden ausgeschlachtet. Das Feld dampft. Am Ende sind viele Worte gefallen und die Erde übersät mit Wortfragmenten und umherirrenden Buchstaben. Bei Dunkelheit werden sich alle vom Acker machen.

Die Nachricht vom Sieg löst in der Stadt der Wörter einen Siegestaumel aus. Die vier Stadttore werden wieder geöffnet. Mit den Gratulanten schlüpfen auch wir hinein. Sehen aus allen vier Stadtvierteln Groß und Klein auf den zentralen Markt strömen, hören sie vierstimmig die Stadthymne singen, hören Fanfaren, Marschmusik, Trommelwirbel, Jubelschreie. Das Ministerium startet ein Feuerwerk verlässlich zündender Worte. Diese rocken die Stadt und mittendrin die Helden, Haudegen und Haudraufs, die sich noch total berauscht am nächsten Tag fragen: Hat der Kampf wirklich physisch stattgefunden? Wirklich wirklich oder nur verbal? Oder haben wir am Ende – vielleicht nur im Geiste gekämpft?

Stefania Kuszlik ist eine Münchner Künstlerin, die neben ihrer Malerei u. a. Künstlerbücher im Stil der Konkreten Poesie verfasst. In diesem Essay nimmt sie Bezug auf ihr Buch „STADT der WÖRTER“, in dem sie das Vokabular der Stadt mit jenem des Kampfes verschränkt und so das Potenzial der „Sprache als Waffe“ erfahrbar macht. Mehr zu Stefania Kuszlik unter www.stefanius.net