[LiSe 02/17] Kurzgeschichte: Niklas

Ich schaue extra nicht zu der Kiste mit den Schokoladentafeln. Aber ich sehe sie trotzdem. MILKA.
„Schau, was ich dir zusammengepackt habe!“, flüstert Helga und gibt mir die Tüte. Früher habe ich gedacht, sie hat einen Sprechfehler, aber Pap hat gesagt, es ist wegen der Schweiz, dass sie so komisch redet.
„Ist dein Papa noch immer krank?“
Es nervt, dass sie immer fragt. Ich würde selber viel lieber wieder mit Pap zusammen kommen. Es würde mir dann auch gar nichts ausmachen, wenn wir erst später mit den anderen rein dürften und wieder weniger kriegen würden. Gleich fragt sie, was Pap hat, und ich kann es ihr wieder nicht sagen, weil Pap immer nur da liegt und sagt: „Nix. Wird schon wieder.“
„Was hat er denn eigentlich genau, dein Papa?“
Vielleicht komme ich nächstes Mal lieber später und stelle mich in die Schlange. Helga schaut mich an, als ob sie mehr wissen würde als Pap und ich, aber das stimmt nicht. Vielleicht komme ich auch gar nicht mehr. Eier können wir uns selber kaufen, Mehl und Öl haben wir noch genug. Ich kann uns jeden Tag Pfannkuchen machen. Ich mag Pfannkuchen auch ohne Apfelmus. Ich schaue extra auf die Milka-Tafeln. (mehr …)

[LiSe 01/17] Kurzgeschichte: GÖTTERSPEISE

GÖTTERSPEISE

Immer samstags aßen wir an jenem Tisch gemeinsam,
an dem ich wochentags alleine saß und –
immer schwiegen wir beim Essen.
Immer kamen wir samstags hierher, nicht sonntags, –
am Sonntag bediente Özmir, – am Samstag – CHANTAL –
– doch das wusste nur ich.
Immer saß ich mit dem Gesicht zum Lokal,
meine Ehefrau mit dem Rücken. (mehr …)

[LiSe 12/16] Kurzgeschichte: Mein Hund

Manchmal sehe ich es, und dann wieder nicht. Ich komme nicht dahinter, wie es das macht, und wozu, und vor allem verstehe ich nicht, warum es unsichtbar wird. Ich vermute, es will sich meiner Kontrolle entziehen.

Erst dachte ich: Naja, ein Hund. Hunde gibt es auch hier viele, und manche sind sogar ganz nett. Das Problem ist, dass man sie kaum wieder los wird, vor allem die netten, die die wirklich nur spielen wollen; eifrigst irgendwelche Stöckchen immer und immer wieder zurückbringen wollen. Eine Weile mag das ganz schön sein, aber irgendwann wird es lästig. Und dann ist der Hund erst mal da. Dann bleibt er einfach. Will immer da sein, wo ich bin. Folgt mir auf Schritt und Tritt. Keine Chance mehr, einfach mal nur für mich zu sein. (mehr …)

[LiSe 11/16] Kurzgeschichte: Was bleibt

Wie ein kranker Vogel hast du im Lehnstuhl gekauert. Wie zerzaustes Gefieder dein Haar. Und was ich auch sagte, dein Blick blieb verloren. Wo wir dich abgesetzt haben, bist du geblieben. Stunden, den ganzen Tag. Viel zu oft sind wir an dir vorbeigegangen. Nur selten zogen wir einen Stuhl heran um uns zu dir zu setzen. „Wir haben schließlich noch unser eigenes Leben“ sagten wir. Und was hätten wir reden sollen? Du hast auf deinen uns unbekannten Horizont geschaut. Und so streichelten wir deine Wange und schlichen uns davon. Zu den Malzeiten haben wir dich hochgehoben und an den Tisch gesetzt. Du warst nicht schwer. Ich habe dir die Speichelfäden getrocknet und deine runzelige Puppenhand gehalten, die flatterte wie ein aufgescheuchtes Tier. Den Löffel mit der Suppe habe ich dir an die Lippen geführt so wie du es getan haben magst als unsere Rollen noch nicht vertauscht waren. (mehr …)

[LiSe 10/16] Kurzgeschichte: Pianistin 525

Ich hatte die Einstellung, die Eltern müssten alles tun, um mich zu fördern. War kein Geld da, müssten alle überlegen, wie es zu beschaffen sei. Ich wollte Pianistin werden, eine Skrjabin, eine Rubinstein, eine Argerich, so die Mischung, egal, ob ich die Erste war in der Familie. (mehr …)

[LiSe 09/16] Kurzgeschichte: Das Schlussplädoyer

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrter Herr Staatsanwalt, verehrte Anwesende!

Erlauben Sie, dass ich zu Beginn meines Schlussplädoyers mein Bedauern über die Entlassung meines Verteidigers ausdrücken möchte. Aber sie war dringend erforderlich. Seine fortwährenden Versuche, die hier zur Verhandlung stehende Angelegenheit ausschließlich aus der Perspektive eines schuldlosen Angeklagten darzustellen – er hielt diese Sichtweise wohl für die meine –, die übel riechende Mixtur von Halbwahrheiten über den Tatvorgang, die peinliche Bedrängung der Zeugen der Anklage, seine unhöflich störenden Unterbrechungen bei der Befragung dieser Zeugen durch den Herrn Staatsanwalt, all dies ließ bei mir, der ich mich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet fühle, ein immer deutlicher werdendes Unbehagen, um nicht zu sagen, eine wachsende sittliche Empörung aufsteigen, sodass ich nicht umhin konnte, meinen Verteidiger zu entlassen und mit dem Einverständnis des Herrn Vorsitzenden mein Schlussplädoyer selbst zu übernehmen. (mehr …)