[LiSe 06/16] Kurzgeschichte: Drei Leben

Meine Mutter quälte sich zum Dorfarzt. An ihrer Seite ging Georgios, ihr Ehemann, der sie untergehakt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie sich beide jemals so nahe gezeigt hatten in aller Öffentlichkeit. Die Leute würden reden. Schon über 20 Jahre waren sie verheiratet, eigentlich schon seit 25 Jahren, wenn sie so recht darüber nachdachte. Sie litt dieser Tage unter Bauchschmerzen und Übelkeit. Sollte es möglich sein, dass sie schon wieder schwanger war? Sie liebte ihre acht Kinder, aber allmählich war sie müde vom ewigen Kinderkriegen und der Kindererziehung und den 42 Jahren, die sie alt war. (mehr …)

[LiSe 04/16] Kurzgeschichte: Ein schöner Tag

Was könnte schöner sein als dieser Tag? Der auf dir lastet mit seiner unausgesprochenen Drohung, dass sie dich rauswerfen werden, wenn du so weitermachst. Dass du in deinem verwirrten, stotternden Zustand auf Dauer nicht tragbar bist. Unzureichende Leistung, die Menge an zusätzlichen Korrekturläufen und dann die Kollegen, die sich fragen, was plötzlich mit dir los ist. Deine Ängste kriechen auf einmal aus allen
Löchern und sie bestätigen sich alle. Du hattest also vollkommen Recht. Und das von Anfang an. Und nun balancierst du wieder einmal auf dem Millimeter-Bruchteil einer Papierkante. Luft. Dann ein gepflegter Zusammenbruch auf dem Klo. Und gleichzeitig das Gefühl, dass es jetzt, wo es zum Schlimmsten kommen könnte, endlich auch gut wird. Dein vollkommenes Gleichgewicht. Im freien Fall. (mehr …)

[LiSe 03/16] Kurzgeschichte: Raffles

Es ist tiefster Winter. Eisige Winde aus Labrador haben die Stadt mit Schnee zugeschüttet. Das Raffles in der Lexington Avenue, American Breakfast für zwölf Dollar fuffzich, please wait to be seated. Ich bin Stammgast. Ich darf einen Wunsch äußern:

„Nicht zu nah am Eingang, bitte.“

„This one okay, Sir?“

Ja, vielen Dank. Jeder Platz ist in Ordnung, sofern er nicht am Eingang liegt. Ich wohne im Radisson East Hotel, das sich 25 Stockwerke über diesem Lokal erhebt. Gestern Abend war der Bürgermeister im Fernsehen. New York hat den Notstand ausgerufen. (mehr …)

[LiSe 01/16] Kurzgeschichte: Immer Ärger mit Robbie

Mein Mobiltelefon während wir zur Konferenz unterwegs sind im selbst fahrenden Dienstwagen mit Roboter Robbie sagt plötzlich in die Stille hinein „Anruf von Teresa“.

Ich sage: „Konferenzvorbereitung läuft. Rückruf in drei Stunden.“

Robbie wiederholt: „O.k., Rückruf in drei Stunden.“ Wir stecken im Altstadtring fest, das wird sehr knapp.

„Solln wir lieber drehen, Rob?“

Er sollte sämtliche Stauinfos eigentlich zusammenführen, speichern, berechnen und an mich herausgeben. Integriertes Navigator-Diktier-Radiosystem, dritte Generation. Er gibt tonlos zurück „Noch zehn Minuten, Roy.“ Roy war mein Vorgänger, ist jetzt draußen, Alkoholiker, der arme Kerl. (mehr …)

[LiSe 12/15] Kurzgeschichte: Navidad Tropical

Navidad Tropical

Am 24. Dezember erwachte ich spät. Hatte wieder geträumt, von Vivisektionen, Brandstiftung, Eingeweidewürmern. Zwischen den Träumen lag ich wach und horchte auf die Geräusche im Garten. In der windlosen Nacht rauschte der Wildbach lauter denn je, Beutelratten keiften, das Sägen der Zikaden dröhnte ohne Pause. Von den Hunden war nichts zu hören. Ich machte Eintragungen in der schwarzen Kladde, las ein paar Seiten Moby Dick und schlief wieder ein. Gegen acht hörte ich Klavierspiel. Verena spielte eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier. Die Musik klang vertraut, nach wenigen Takten brach sie ab. Ich nahm ein halbes Valium und dämmerte im Halbschlaf vor mich hin. (mehr …)

[LiSe 11/15] Kurzgeschichte: Zu früh

Heute nehme ich eine S-Bahn früher. Einmal nicht die Letzte sein. Ausnahmsweise bin ich sogar stolz auf mein Gastgeschenk.

Wein kann man nämlich vergessen. Er würde die Flasche auspacken, den Arm lang machen und mit zur Seite geneigtem Kopf das Etikett begutachten. Dann würde ganz kurz ein Ausdruck von Resignation über sein Gesicht huschen, der aber, wenn er die Flasche auf die marmorne Arbeitsfläche gestellt hätte, einem neutralen Lächeln gewichen sein würde. Dann würde er den Champagner aus dem Kühler ziehen, mit einer weißen Stoffserviette den Nebelschleier vom Etikett wischen, während sie überschwänglich erzählen würde, wie sie dieses Ausnahmegetränk auf ihrer letzten Tour durch das Valée de la Marne in einem kleinen Weingut entdeckt hätten. Also keinen Wein. (mehr …)