[LiSe 10/14] Kurzgeschichte: Sonnenwasser

Ein Himmel, zum Zerreißen gespannt. Der zitternde Horizont, der Hügel, hinter dem sie ständig das Meer zu sehen glaubte, das leise Summen im Gras – das alles erinnerte sie an einen Film. Die unerträgliche Helligkeit hinderte sie daran, sich zu entspannen und ruhig zuzusehen. Von dem grellen Sonnenlicht taten ihr die Augen weh.

Auf der Leinwand waren nur sie und der Hund, aber das Mädchen wusste – jemand führt einen Film vor, und sie hat keinen Einfluss darauf. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Die kleinen Lebewesen – Insekten – gaben weiter ihre Laute von sich. Das Hin-und-her-Huschen der Eidechsen war ein Teil des Stummfilms. Der Wind machte gerade Mittagspause, und es gab niemanden, der die Wäsche auf den Leinen und die Markisen vor den Fensterscheiben zum Flattern gebracht hätte.

Es war ihr auch früher manchmal so vorgekommen, als wäre nichts real. Der Film lief, und das Mädchen konnte sich von der Seite sehen. Immer noch siebzehn Jahre alt, in ihrem Kleid, mit Sommersprossen im Gesicht. Um ihre Fesseln rankten sich wie Efeu die Riemchen ihrer Sandalen. Eine solche Leere hatte sie mitten in der Stadt noch nicht erlebt.

Es kann doch nicht sein, dass alle am Strand sind und die Häuser deshalb leer stehen? Diese Gärten, Stühle und aufgespannte Sonnenschirme, unter denen niemand sitzt. Als wäre etwas passiert, und die Menschen wären verschwunden, das Leben aber geht ohne sie weiter. Aus keiner einzigen Küche hörte man das Klappern von Geschirr, die Rufe von Kindern, Gespräche.

Sie blieb stehen und suchte nach einem Vogel oder einem anderen Geschöpf, das sich nicht in seinem Loch verkrochen und keine Angst davor hatte, sich draußen, in dem schaukelnden Zenit zu zeigen. Sie entdeckte nichts und niemanden. Die Zypressen am Wegrand waren in die Glut dieser Stunde gespießte Fische. „Charly, Charly, komm zurück! Hierher!“ Ihre Stimme klang dumpf, der Hund hörte sie und blieb neben ihr stehen .

Sie erinnerte sich an die heißen Tage ihrer Kindheit. Die steil abfallende Wiese, wo ihre Großmutter die heruntergefallenen Pflaumen auflas, zwischen all den Kräutern und Blüten. Sie spielte im Schatten eines Baumes mit dem Rücken zum Wald. Und alles war saftig und grün.

Hier gab es nicht ein Neutron jener Atmosphäre. Es war ein irrealer, betäubender Sommer. An der Grenze des Lebens. Bei all dem Licht wurde sie das Gefühl nicht los, dass sein schwarzes Auge sie von irgendwo her beobachtete. Seine lautlosen Schritte kamen bald näher, bald entfernten sie sich und verwandelten sie von einem jungen Mädchen in eine alte Frau.

Die Gebäude, die kleine Kapelle, sie selbst, alles wurde von den Sonnenspitzen durchdrungen. Sie gingen mitten hindurch, so dass es keinen Zentimeter Schatten gab. Alles stand für sich allein. Im hellen Schein seines Schmerzes. Solche Einsamkeit kannte sie nicht. Sie weckte einen unstillbaren Durst, obwohl sie immer wieder aus der Flasche mit Sonnenwasser trank.

Charly näherte sich der Stelle, an der er sonst sein Revier markierte, kam aber schnell wieder zurück. Die junge Frau spürte jetzt nicht mehr, dass hinter der nächsten Anhöhe das Meer auftauchen würde. Es kam ihr so vor, als gähnte dort ein Abgrund, in dem es einmal Wasser gegeben hatte, das längst in den Furchen der Erde versickert war. Seit einer knappen Stunde bewegten sie sich auf der bekannten Strecke mit diesem unbekannten Gefühl. Geht es dir auch so, Hündchen, flüsterte sie. Du bist der einzige weiße Schatten in dieser Welt. An diesem blendenden Nachmittag gab es nichts zu entdecken. Alles war längst offenbart .

Ihr Blick stieß gegen eine schwankende Mauer aus Luft und prallte daran ab. Irgendetwas bewegte sich dort. Etwas war geschehen und hatte die Luft zum Beben gebracht. Jene tiefe Vorahnung einer Bewegung, irgendein rätselhaftes Band spulte sich ab, verdrehte die offensichtlichsten Dinge und zeigte ihre verborgenen Seiten. Und allein die Sehnsucht des Mädchens nach einem Windhauch wehte die Eidechsen wie trockene Halme vom Weg.

Kurz bevor sie den absurden Wohnblock erreichten, in dem sie gewöhnlich verschwanden, hielt ein Auto neben ihr. Am oberen und unteren Ende der Straße herrschte völlige Leere. Woher und wie diese schwarze Limousine mit ihrem metallischen Glanz unter dem Himmel aufgetaucht war, wer am Lenkrad saß und warum sie anhielt – sich das zu fragen, blieb dem Mädchen keine Zeit. Sie verfolgte das Geschehen wie auf einer Leinwand, mit leicht zusammengekrampftem Magen und erwachter Neugier.

Das vordere Seitenfenster glitt langsam nach unten, eine grazile Guillotine. Ein Kopf mit üppigem, von Gel gebändigtem Haar erschien. In ihren Augen ein Feld mit Olivenbäumen. Ein Gesicht unbestimmbaren Alters mit dunkler Brille verzog die Lippen zu einem Lächeln. Sie fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“

An dieser Stelle reißt der Film. Im letzten Bild sitzt ein kleiner Hund auf dem Bürgersteig und wartet.
Tania Rupel-Tera

[LiSe 06/14] Kurzgeschichte: Xie Xie

Der Schmerz kam schlagartig und sofort mit voller Wucht.

Nach einer Aspirin und einer Stunde gekrümmt auf dem Sofa wählte ich Berts Nummer. Kein Empfang. Das kannte ich schon. Blieb nur Greta, meine Assistentin, aber Greta kam gerade heute eben nicht in Frage. Auf gar keinen Fall.

Als hätte er das eingesehen, gab mein Leib plötzlich Ruhe. Schweigen da unten. Vielleicht bekam ich doch nur meine Tage. Allein in dieser absurd großen Wohnung, gefangen zwischen Fensterscheiben, die sich nicht öffnen ließen. Ich sah hinunter auf die Siebenmillionen-Niemandsstadt nahe der Grenze zur Mongolei. Novembersmog. Winzige Autos bewegten sich durch den gelblichen Nebel, aus dem die Hochhäuser ragten wie schlechte Zähne.

Das am Freitag mit Greta wäre mir vor ein paar Wochen noch nicht passiert. Sie hatte in der Datei für die Präsentation wieder das falsche Logo verwendet, in dem das W mit dem M vertauscht war. „Diese unendliche chinesische Blödheit!“, brüllte ich durchs Großraumbüro, außer Kontrolle geraten, eine Rassistin war ich, und Greta stand auf, die gemeinte Chinesin, die sich ihren seltsamen Vornamen aus Ehrfurcht vor den deutschen Vorgesetzten selbst verliehen hatte. Das war so üblich.

„Oh, vergessen“, sagte sie und trippelte auf ihren zehn Zentimeter Lackpumps um den Schreibtisch herum. Sie war besonders bemüht gewesen in den letzten Tagen, weil es um die Hochzeit ging. Auch das war üblich, die Vorgesetzten gingen zur Hochzeit und hielten Lobreden.

„Ich werde nicht zu deiner Hochzeit kommen“, sagte ich. „Und merk dir das endlich mit dem Logo, Greta, hörst du?“

Der Schmerz kehrte zurück, und diesmal blieb mir die Luft weg. Ich bekam richtige, kalte, schweißnasse Angst. Und wählte Gretas Nummer, denn jetzt war es schon egal.

Meine Assistentin ging jedoch dieses eine Mal nicht ran. Mailbox.

Ich wartete. In der Küche über die Spüle gebeugt, ständig ganz kurz davor, mich zu übergeben. Ich trank ein Glas Wasser.

Wie sterbensallein sie war, diese Frau in der Küche im 39. Stock mit dem Glas Wasser in der Hand. Sie war mir fremd.

Zweiter Versuch: „Es tut mir leid, Greta! Melde dich, wenn du das hörst, bitte! Ich fahre jetzt mit dem Taxi ins blaue Krankenhaus. Vielleicht ist Dr. Mayers da.“

Im blauen Krankenhaus tummelten sich die Menschen, alle wollten dran kommen, eine alte Frau schubste mich, ich schubste zurück. Alle wollten drankommen, sie hielten Geldscheine hoch. Vorne beim Tresen zeigte ich mein Handy, auf dem Display die Übersetzung meiner deutschen Eingaben.

„Dr. Mayers? Ist Dr. Mayers da?“, fragte ich.

Keine Antwort. Nur eine Armbewegung, das hieß wohl nach oben, und ich ging nach oben.

Ein Wartezimmer, Frauen, ich wählte Bert an, aber eine Schwester deutete erbost auf das Zeichen an der Wand: Handys verboten.

Dann spürte ich die Feuchtigkeit. Ich sah an mir herunter. Ein dunkler Fleck breitete sich aus. Ich brauchte eine Toilette, unbedingt, suchte den Gang entlang, aus der Feuchtigkeit wurde Nässe, meine Socken sogen sich voll, die Turnschuhe.

Das Toilettenschild. Der Gestank wie eine Wand. Nichts als eine Rinne, über die man sich hockte. Es war nur eine weitere Frau da, sie hockte schon. Ich zog meine Hose herunter und hockte mich auch. Aus mir heraus kam ein hellroter Strahl. Die Frau neben mir entleerte sich. Sie war hochschwanger.

Was sollte ich tun? Unten in Wellen die Krämpfe, es gab ja nur noch unten, oben war ich nicht mehr da, oben war ich leer. Und dann spürte ich ein Etwas aus mir herausschwämmen, ein Klümpchen, mit einem Schwall, es wurde ruhiger in mir ohne dieses Etwas, der Schmerz ließ nach, obwohl das Blut weiter floss, immer weiter.

Ich fing an zu schreien. Die Frau neben mir schaute in die Rinne, Entsetzen im Gesicht und jammerte etwas, ich verstand sie nicht und schrie weiter. Die Frau stand auf, säuberte sich hastig, und ich flehte sie an: “Holen Sie Hilfe!“

Aber sie blieb da, zog mich hoch und presste mir ein Tuch zwischen die Beine. Dann deutete sie auf sich und machte die Zahl drei mit der Hand, lächelte und zeigte auf ihren hochschwangeren Bauch.

In dem Moment wusste ich es. Dr. Mayers hatte gesagt, ich könne nicht schwanger werden. Ein Irrtum. Jetzt wusste ich auch, was die Frau mir hatte sagen wollen. Ich packte ihre Hand, und ich sagte: „Xie Xie.“ Danke.

Mehr schaffte ich nicht mehr. Ich knickte ein.

Die Frau rannte hinaus, die Schwester kam und zerrte mich auf einen Rollstuhl, schob mich in einen Saal mit etlichen Gynäkologenstühlen nebeneinander, auf allen Frauen wartend, auf einen wurde ich gehievt, eine Schüssel zum Auffangen des Blutes unter mir.

Neben mir klopfte ein Gerät: Die Herztöne eines Föten. Während ich das hörte, wurde ich ruhiger. Ich sah auf meine Füße, die nassen Socken.Und dann tauchte ein glitzernder Pandabär zwischen diesen Füßen auf, auf einem pinkfarbenen T-Shirt, eine schwarze Brille und eine Bärchenhaarspange. Ich fing sofort an zu weinen. Greta umarmte mich.

„Chefin!“, rief sie, „Chefin!“ und drückte mich fest und sagte: „Dr. Mayers kommt, ich habe gesagt, Sie sterben.“

Ich schluchzte immer lauter. „Greta, es tut mir so leid.“

Sie wischte das mit einer Handbewegung weg. „Das waren nur Hormone. Nicht Sie, Chefin, Hormone. Das sind Biester.“

Ich bemühte mich zu lächeln, heulte aber weiter.

„Ich werde auf deiner Hochzeit…“

„Schluss damit. Erst Auskratzung, dann Hochzeit.“

Jetzt lächelte ich tatsächlich.

„Ich war schwanger,“ sagte ich.

Greta biss sich auf die Lippe, streichelte meinen Fuß in der blutigen Socke, beugte sich dann über mich und flüsterte: „Einmal schwanger, wieder schwanger. Sie müssen nur Sex haben.“

Sie kicherte. Und hielt meine Hand.

Heike Duken

(Stark gekürzte Version der Sieger – Geschichte des Haidhauser Werkstattpreises 2013)

[LiSe 05/14] Kurzgeschichte: Frau Dietrich

Fünf Jahre war es her, dass sie, umdrängt von Bewunderern, ihn über Köpfe hinweg gegrüßt hatte. Oder, aus ernüchterter Sicht und vager, dass er hatte meinen können, sie habe ihn gegrüßt. Und nun gestern, dass sie erneut, diesmal in Salzburg, und wieder wie zufällig einander gegenüber saßen. Im Halbschatten ausgeblichener Markisen. Hoch über der Salzach. In einer zehrenden sommerlichen Wärme. In der er die Frau dort drüben, über Tische hinweg, kaum aus den Augen ließ. Wenn sie sich ordnend in die Locken griff. Wenn sie sich räkelte. Wenn sie den Arm hob und hinter dem Hals an ihren über den Nacken schaukelnden Haaren sichernd herumnestelte. Wenn sie den kurzen Ärmel ihres Kleides mit in die Höhe zog, – dass man ihr unter die Achsel hätte blicken können, – wie dieser Mensch dort, der ungeniert mit ihr tafelte, fast drei Jahrzehnte älter als sie, mit unrasierter Lippe, läppischem Lippenbärtchen, während er, Remarque, Zeit seines Lebens sich dort und sonstwo entmilitarisieren sollte, – und doch, das hatte dieser Fremdling voraus, dass er längst wusste, ob sich die Frau, die er sich anmaßte, der hier die brütende Hitze feucht unter die Achseln kroch, wenigstens unter den Armen schor, dort, fast schon auf halbem Weg aller Liebhaber. Alfred POLGAR, wie er sich nannte, – Remarque, er hätte ihn schütteln können, wie er sich hatte schütteln lassen müssen, um sich KRAMER schimpfen zu lassen, – gehässig schütteln! – bis schlicht so etwas wie POLACKE herauskommen musste! Wenn man es wie der faschistische Mob, wenn man es zeitgemäß nahm, so wie bei ihm.

 

Remarque, wäre er selbst nicht in Begleitung gewesen, er hätte sie angesprochen. Hätte sich einen der unbequemen Stühle genommen. Hätte sich zwischen sie gesetzt. Bis er dem Voyeur, diesem Achselgaffer da, lästig geworden wäre.

Sie waren später gekommen als er mit der Schwarzenbach. Waren auch früher gegangen. Er hatte den Kellner gefragt. Er hatte sich vergewissert:

»Kannten Sie den Herrn, dort, drei Tische weiter?«

»Ja. Herrn Polgar?«

»Alfred Polgar?«

»Ja. Frau Dietrich und der Herr Polgar waren gestern schon hier. Sie kannten ihn nicht? Und Frau Dietrich? Marlene Dietrich?«

»Nein, – nur aus der Presse. Aber heißt der Herr nicht mit bürgerlichem Namen schlicht Polak?«

Der Kellner bewahrte Fassung: »Entschuldigen Sie mich bitte!« Er hatte es plötzlich eilig.

Aber der andere, dieser sperrige Mensch da, mit den allein schon für den Austausch von Visitenkarten viel zu groß geratenen Händen, er hatte vermutet, er hatte gewusst, auf wen er hier stieß. Vielleicht wäre Polgar bei der Wahl eines Tisches, der ihm oder der Dietrich zusagte, an ihnen vorbei bis an das Ende, die Stirn der Terrasse gegangen. Hätte er nicht Remarque oder die Schwarzenbach erkannt. Er hatte Remarque nur kurz mustern müssen. War stehen geblieben. Hatte der Dietrich mit entschiedenen Gesten dann einen Tisch vorgeschlagen, an denen sie bereits vorüber gekommen waren. Drei Tische weiter. Drei Tische zurück. Zufall war es vielleicht, dass die Dietrich dann dort den Stuhl gewählt hatte, auf dem sie Remarque nicht die Schulter, gar den Rücken zeigte, vielmehr geriet er unmittelbar in ihr Blickfeld, über die Schulter ihres Begleiters hinweg. Doch die Distanz über die beiden trennenden Tische war zu groß, um sich gewiss zu sein, selbst wenn sie sich sahen, selbst wenn auch sie ihn wahrgenommen, ihn erkannt haben sollte, dass sie Blicke tauschten, zu denen sie sich bekannten. Lächelte sie? Falls sie überhaupt lächelte! Ja, jetzt wieder, wenn sie irgend etwas bestellte oder sich vorschlagen ließ. Weniger im Gespräch mit diesem Menschen, dem er nur in den kahlen Nacken, über die Schulter sehen konnte, auf die vergilbten Hände, die dieser verwitternde Mensch erstaunt, schwärmerisch heuchelnd, dann wieder beteuernd, abwehrend hoch reißen konnte, wenn die Dietrich die Schultern hob, zu zweifeln oder zu widersprechen schien, wenn sie herzlich lachte, – ja, lachte, wenn dieser Polgar da ihr mit den ungeschlachten Gesten seiner Hände irgendwelche süffisanten Komplimente machte. Allein, wenn man meinte, dass sie herüber sah, nein, wenn sie aufschaute, über die Schulter ihres Begleiters, über die beiden trennenden Tische, dass man denken, dass man sich fühlen machen wollte, man habe sich wiedergefunden: sie blickte wie selbstverloren. Wie verloschen. Wenn er dann wich, zur Seite ausbrach, den Kopf flüchtig wandte, die Schwarzenbach ansprach, um dieser knabenhaften Frau nicht auffällig zu werden, wenn er wie beiläufig dann über die Tische gegen das ferne Augenpaar zurückfand, schien ihm der Blick der Frau, die ihn einmal beim Namen gerufen hatte, unverwandt in eine Ferne gerichtet, in der sie auf seine Rückkehr gewartet zu haben schien.

Sooft er sich später auch fragte, er konnte sich an niemand erinnern, der an den beiden Tischen zwischen ihnen gesessen haben sollte. Es fiel ihm leichter, sich an zwei leere, abgeräumte Tische zu erinnern.
Hans Boeters

(Aus dem Remarque-Roman:  Schlafen in Luft, Wasser und Feuer)

[LiSe 04/14] Kurzgeschichte: Einquartierung

Sechs Zimmer – das war, siebenköpfige Familie her oder hin, in den ersten Jahren nach dem Krieg zu üppig, befand das Gemeindeamt. Drei davon wurden beschlagnahmt und Leuten zugewiesen, die der Flüchtlingsstrom in unser kleines Dorf geschwemmt hatte. Einquartierung hieß das neue Wort. Das hatte ich noch nie gehört, und ich sagte es viele Male vor mich hin. EINKWATIERUNG. Es klang so schön nach Sommerabend mit Froschkonzert, aber in Wirklichkeit bedeutete es, dass wir zusammenrücken mussten, weil fremde Leute in unsere Wohnung kamen. In die beiden Räume zum Hof zog Frau Helferich mit ihrer kleinen Tochter Verena, das große Kinderzimmer mit Blick zum See und in den Park besetzte Frau Singer. Meine Großmutter blieb in ihrem Zimmer, meine Mutter schlug für sich und meine beiden ältesten Geschwister im Wohnzimmer Schlafplätze auf, ins kleine Kinderzimmer, wo mein jüngster Bruder und ich schliefen, wurde ein drittes Bett für meinen mittleren Bruder geschoben.

Mir machte das nichts aus, ich fand unser Zimmer jetzt viel spannender. Wir spielten die Höhlenkinder im heimlichen Grund, bauten uns Höhlen aus Decken und Kissen und besuchten uns gegenseitig. Das war eine regelrechte Expedition, denn zuerst musste man einen Fluss überqueren und dann auf dem Bauch durch einen langen dunklen Gang kriechen. Am schönsten war natürlich die Bergbesteigung. Auf der einen Seite mit Schwung hinauf, auf der anderen ein kühner Sprung hinunter aufs Bett, dass die Sprungfedern ächzten. Wir fanden das äußerst lustig und wollten es immer wieder tun. Aber draußen lagen die wilden Bären auf der Lauer, sie stürzten plötzlich herein mit schrecklichem Gebrumm und Tatzenhieben, zerstörten unsere Höhlen, wickelten uns ganz fest in die Decken und drohten, wenn wir uns unterstanden, noch einmal auf den Schrank zu klettern, würde das böse enden.

Woher Frau Helferich kam war ungewiss. Im Gegensatz zu Frau Singer, die durch ihren Akzent zu erkennen gab, dass sie aus Russland stammte. Frau Helferich lief auch tagsüber im Bademantel herum, mit einer Zigarette in der Hand, und brauchte immer eines von uns Kindern, das sie zum Besorgen schickte. Wie eine Eidechse glitt sie aus ihrem Zimmer und raunte demjenigen, der gerade vorbeikam, ihre Wünsche zu. Wir liefen gerne für sie zum Bäcker, zum Kramerladen, zum Zeitungskiosk, denn meistens durften wir die Wechselgroschen behalten. Das Bestechungsgeld der Mutter hielt uns nicht davon ab, die Tochter zu ärgern. Verena war ein farbloses, mageres, quengeliges Dingelchen, das sofort zu heulen begann, wenn wir es nur antupften. Natürlich verpetzte sie uns bei ihrer Mutter, aber das half nur kurzzeitig, denn diese wollte es sich mit uns nicht verscherzen.

Wenn Frau Helferich Besuch von ihrem Freund bekam, verwandelte sich das schlampige Bademantelentchen in einen Schwan. Das blonde Haar mit Kämmen und Spangen zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt, die Lippen brennend rot geschminkt, Seidenstrümpfe mit geraden Nähten, die Schuhe hochhackig, stöckelte sie am Arm von Herrn Scaria von dannen. Herr Scaria war das, was man einen gutaussehenden Mann nennt, groß schlank, elegant gekleidet und äußerst höflich. Er pflegte meine Mutter mit Handkuss und Gnädige Frau zu begrüßen, was ihr nicht unangenehm war. Später sagte sie zu meiner Großmutter, dass er ein Schieber sei, aber einer mit Manieren. Dabei lachte sie merkwürdig und schob die Stange Zigaretten und das Päckchen Kaffee auf dem Tisch hin und her.

Mit Frau Singer hielt die Literatur Einzug in unsere Wohnung. Eines Tages hing ein Zettel an unserer Haustür, darauf stand SALONABEND. Das war wieder so ein neues Wort, und ich stieg damit die Treppe hinauf, auf jeder Stufe eine Silbe. SA-LO-NA-BEND. SA-LO-NA-BEND. Frau Singer, erklärte mir meine Mutter, ist Übersetzerin und Rezitatorin. Sie liest Gedichte vor und Geschichten, und die Leute kommen und hören ihr zu. Das nennt man einen Salonabend. Dazu wurden aus allen Räumen sämtliche Sitzmöbel in ihr Zimmer getragen, Großmutter schlang sich die Goldkette um den Hals und hüllte sich in ihre weiße Seidenstola, und meine Mutter zog ein dunkelblaues Wollkleid an mit einem weißen Krägelchen und weißen Manschetten. Wir bekamen unser Abendbrot in der Küche und mussten früher als sonst schlafen gehen. Wenn die Besucher eintrudelten, lagen wir schon im Bett und hörten, wie das Stimmengewirr immer mehr anschwoll, um schließlich auf einen Schlag zu verstummen und einer Stimme Raum zu lassen. Sie begann mit langsamen, weit ausholenden Bewegungen, drehte und wendete sich, tanzte auf und nieder, schwenkte blaue Bänder hinter sich her, stieg höher und höher, mitreißend, vehement, sie zog mich in ihren Bann, ver-zauberte mich, und ich malte mir aus, wie die Stimme aussah, wie eine Fee auf der Mondwiese – aber nie erlebte ich das Ende, jedes Mal wurde ich wie im Märchen vom Schlaf übermannt.

Am anderen Morgen habe ich mir Frau Singer genau angeschaut. Aber sie sah so aus wie immer, eine kleine, etwas bucklige Frau mit grauen, zu einem festen Knoten hoch gezwirbelten Haaren, einem strengen Gesicht und einer energischen harten Stimme, vor der ich mich stets ein wenig fürchtete.
Katrina Behrend

[LiSe 02/14] Kurzgeschichte: Die Schwäne

Der Park war tot. Tot wie der Großvater in der kalten Leichenhalle beim Friedhof hinter dem Wald, wo ich still sein musste, still wie die Toten. Dabei hätte ich gerne gesungen, weil es so gut hallte hier, und den Großvater hätte es sicher nicht gestört.

Gelb war der Großvater. Gelb wie die Kerzen, die ich anzünden sollte in der Kirche. Kalt und dunkel und still war es da, dass es gehallt hat, als ich die Münze in den großen Metallkasten warf. Aber da hatte der Großvater noch gelebt, obwohl alle nur flüsterten, wenn sie über ihn sprachen.

Weiß waren die Hände der Mutter. Weiß und kalt wie die Winterabende, wenn sie das Müdebinichgehzurruh mit mir sprach und sie meine Hände zum Kreuzzeichen an Stirn und Brust und Schultern führte. Weiß wie die Schwäne auf dem Teich waren die Hände der Mutter.

Hart war die Bank hier im Park, wo ich saß und den Schwänen zusah. Hart war die Bank, weil die Mutter fort war. Aber sie würde bald zurück sein und mir Lakritz bringen, weil ich auf sie wartete und brav war und den Schwänen zusah.

Kalt wie die Hände der Mutter war es im toten Park, wo es faul und modrig roch. Ich zitterte und hatte die Arme dicht um die Knie geschlungen und die Nase in den Spalt zwischen die angewinkelten Knie gedrückt. So saß ich und beobachtete die Schwäne: große weiße Segelboote auf dem Ozean.

Dann die Schritte. Schwere Schritte, anders als die leichten Schritte der Mutter. Schlurfende Schritte auf dem Kiesweg des toten Parks, das Knirschen der Kiesel, langsame Schritte, die lauter wurden, näher kamen, immer näher, so ging die Mutter nicht.

Und plötzlich das Keuchen. Keuchende Schritte. Das Keuchen des Großvaters in der Stube, singende Kessel, abfahrende Lokomotiven, der Großvater wenn seine Hand auf meinen Kopf sank, die Hand des Großvaters mit dem Geruch von Pfeifentabak und Seife.

Es war nicht der Großvater. Ein massiger Leib neben mir auf der Bank. Schlaffe Wangen, wässrige Augen, riesige Hände, gelbliche Hände, gefaltet wie die Hände des Großvaters in der Leichenhalle.

Das Zittern war jetzt überall. Mein Atem und meine Knie zitterten vor Kälte und Furcht. Die Schwäne hinter dem Ufergestrüpp: blitzten auf, huschten vorbei, waren verschwunden.

Dann das Blinken. Eine Münze in der Hand des Mannes. Wie ein Zauberer im Zirkus hielt er sie ins Licht, kratzte mit ihr über die abblätternde Farbe der Bank, schob sie zu mir hin, nickte und sah hinüber zum Teich.

„Arme Viecher das. Immer dasselbe. Gehen alle ein, wenn der Winter hart wird. Kümmert sich ja kein Mensch drum. Hinterher sammeln sie die Kadaver ein, damit sich die Leute nicht dran stören.“

Leise sprach der Mann. Seine Augen blickten mich nicht an. Er hustete lange und stand sehr langsam auf. Wieder das Keuchen, wieder die schlurfenden Schritte auf dem Kies, dann hatte das Licht ihn verschluckt.

Schnell die Münze in die Tasche stecken, bevor die Mutter zurück war. Bald würde sie kommen und mich nach den Schwänen fragen. Ich sah den Großvater vor mir und hätte gern gewusst, wie es war, tot zu sein. Ich wollte keine Schwäne mehr sehen, ich wollte die Mutter nicht sehen, ich sehnte mich nach der Sonne und wollte die Augen nie wieder öffnen.
Jürgen Flenker